Gesellschaft

Hintergrund: Braunkohle, Klima und Strukturwandel

Braunkohle soll schon bald nicht mehr für die Stromerzeugung genutzt werden. Dem Umweltbundesamt zufolge das einer der Hauptgründe, warum Deutschland seine Klimaziele verfehlt. Die andere Seit der Medaille: Tausende Jobs hängen an der Kohle.

BergbauGroße Braunkohle-Abbaugebiete liegen beispielsweise im Rheinland und in der Lausitz© Andreas F. / Fotolia.com

Welzow - Dass Deutschland seine Klimaziele zu verfehlen droht, hat aus Sicht des Umweltbundesamtes (UBA) einen wesentlichen Grund – neben anderen: Rund 40 Prozent des bei uns erzeugten Stroms stammen aus Kohle.

Braunkohle gilt dabei als besonders klimaschädlich. Denn ihre Verbrennung setzt besonders große Mengen des Klimagases CO2 (Kohlendioxid) frei - neben Feinstaub-Partikeln und Schadstoffen wie Quecksilber, Arsen und Blei.

Niedriger Wirkungsgrad bei modernen Kraftwerken

Hinzu kommt: Selbst Kraftwerke mit modernster Technik haben, so berichtet das Amt, nur einen Wirkungsgrad von maximal 50 Prozent. Das heißt: Die Hälfte der beim Verbrennen erzeugten Energie verpufft. Bei Gas- und Dampfturbinenkraftwerken ist die Bilanz deutlich besser.

Der Abbau hat auch gravierende Folgen für die betroffenen Regionen: Böden und Landschaften werden häufig zerstört, der Wasserhaushalt und die Wasserqualität können dauerhaft beeinträchtigt sein.

Braunkohle entsteht in Millionen von Jahren

Und wo kommt die Braunkohle eigentlich her? Was Bagger heutzutage aus der Tiefe fördern, ist viele Millionen Jahre alt. Kohle entsteht aus abgestorbenen Pflanzen, die tief unter der Erde hohen Drücken und Temperaturen ausgesetzt waren. Im Laufe der Zeit entstand daraus erst Torf, dann Braunkohle und schließlich Steinkohle. Große Abbaugebiete für Braunkohle liegen etwa im Rheinland und in der Lausitz. Die Braunkohle gehört hier in einigen Orten praktisch zur Identität der Menschen.

Braunkohle, Arbeit und Identität

Ein Beispiel ist die kleine Stadt Welzow mit rund 3.500 Einwohnern ganz nahe dem Tagebau Welzow Süd im Lausitzer Braunkohlerevier. "Stadt am Tagebau" ist auf Schildern an den Ortseingängen zu lesen. Ein Besucher-Zentrum informiert über die Kohle, Touristen können Touren in das Revier buchen. Viele Einwohner arbeiten "in der Kohle", wie sie es selbst bezeichnen. Sie sind stolz auf ihren Beruf. Die Industriejobs sind gut bezahlt.

Kommt man mit Welzowern ins Gespräch, kann gefühlt beinahe jeder in seiner Familie jemanden aufzählen, der in der Braunkohlenindustrie beschäftigt ist oder es einst war. So geht es vielen kleinen Orten und Städten in der Lausitz, die im zweitgrößten Braunkohlerevier Deutschlands liegen.

"Wir sind besonders von der Braunkohle geprägt", sagt Welzows Bürgermeisterin Birgit Zuchold. Vom stärksten Industriezweig in der sonst strukturschwachen ostdeutschen Gegend leben nicht nur die Kohlekumpel. Auch Handwerksbetriebe und Dienstleister seien auf die Aufträge des Tagebaubetreibers angewiesen, zum Beispiel der Erd- und Rohrleitungsbau, Maler-, Heizungs- sowie Sanitärfirmen und viele Unternehmen mehr, ergänzt Zuchold.

Doch gerade dass Welzow so stark an dem fossilen Energieträger hängt, bringt seit Jahren zugleich Unsicherheit in die kleine Stadt. Das Gefühl, mit dem jeder in gewissem Maße leben muss, hat in Welzow - anders als früher - stark mit der Braunkohle zu tun.

Die Menschen in der ostdeutschen Region haben schon einmal erlebt, was Strukturbruch bedeutet. Zehntausende verloren nach der Wende ihren Job in der Braunkohlenindustrie. Tagebau um Tagebau aus DDR-Zeiten wurde dicht gemacht.

Noch rund 20.000 Jobs in den Braunkohlerevieren

Zur Wendezeit im Jahre 1989 gab es im Lausitzer Revier noch fast 80.000 Beschäftigte, wie Daten des Vereins Statistik der Kohlenwirtschaft zeigen. Innerhalb von zehn Jahren sank die Zahl auf unter 10.000. Viele mussten umschulen, neue Berufe erlernen oder waren arbeitslos. So etwas sitzt tief.

Heute arbeiten in den vier Gruben und mehreren Braunkohle-Kraftwerken in der Lausitz noch rund 8.000 Menschen. In allen Braunkohlerevieren in Deutschland zusammen gibt es rund 20.000 direkte Arbeitsplätze.

Kohlekommission plant den Ausstieg

Die Bundesregierung plant aus Klimaschutzgründen schrittweise aus dem Verstromen von Kohle - also Braun- wie Steinkohle - in Deutschland auszusteigen. Wann genau Schluss sein soll, ist aber noch offen.

Was würde eine ganz abrupte Abkehr für Städte wie Welzow bedeuten? Eine vom Bund eingesetzte Kommission - der Name: "Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung" - arbeitet seit Monaten an Ideen, wie ein Strukturwandel gelingen kann und wie alternative Jobs in den großen Braunkohlerevieren im Rheinland, in der Lausitz und in Mitteldeutschland entstehen können. Die Kohlekommission hat zugleich die Aufgabe, einen Ausstiegspfad und ein Enddatum der Kohleverstromung zu nennen. Die Arbeit des Gremiums läuft noch - es gibt Verzögerungen.

Der Revierplan des Lausitzer Tagebaubetreibers Leag mit vier Gruben in Brandenburg und Sachsen reicht eigentlich noch bis in die 2040er Jahre. Spricht man Welzower auf die Kohlekommission an, zeigen sich viele verärgert. Sie haben den Eindruck, dass die Braunkohle ein Prügelknabe sei und in anderen Bereichen - wie Verkehr - zu wenig für den Klimaschutz getan werde.

Quelle: DPA

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