Auf Augenhöhe

Windows Phone 8: Microsoft auf Aufholjagd

Auf Desktop-Rechner ist Microsoft Branchenprimus, doch auf Smartphones spielt Microsoft keine allzu große Rolle. Das soll Windows Phone 8 nun ändern: Die neue Version des mobilen Betriebssystems bringt den Software-Riesen auf Augenhöhe.

Windows PhoneDie Oberfläche von Windows Phone 8: Kacheldesign für's Smartphone© Microsoft

Linden (red) - Einkern-Prozessoren, kein Speicherkarten-Slot, zu geringe Display-Auflösungen – Microsoft musste in den vergangenen zwei Jahren eine Menge Kritik an Windows Phone gefallen lassen. Die scheint sich der Software-Riese zu Herzen genommen zu haben, denn Windows Phone 8 räumt die meisten Mankos aus dem Weg. So werden nun auch Mehrkern-Rechner unterstützt, zudem kann der interne Speicher per Micro-SD-Karten bei Bedarf aufgerüstet werden und mit Auflösungen von 720 x 1280 sowie 768 x 1280 sind nun auch hochauflösende Bildschirme möglich. Vor allem aber basiert Windows Phone 8 auf dem selben Systemkern wie Windows 8 für Desktop, Notebooks und Tablets, weshalb sich die Geräte und Dienste nun enger miteinander verzahnen lassen und Entwickler ihre Software ohne größeren Aufwand portieren können. Genau dies aber verhindert, dass bisherigen Windows Phones auf die neue Version 8 umsteigen können: zu groß sind die Unterschiede. Zwar wird es ein Trost-Update auf Windows Phone 7.8 mit einige Funktionen aus Version 8 geben, aber die entscheidenden Neuheiten lassen sich nun mal nicht per Software-Upgrade ausliefern. Trotzdem bringt das neue Windows Phone auch zahlreiche interessante Funktionen.

Windows Phone im Video - ein erster Eindruck

Windows Phone 8 mit NFC und Nokia-Kartenmaterial

So wird nun zum Beispiel auch NFC unterstützt: Über den Ultranahfunk können Daten wie Kontakte oder Fotos übertragen werden, indem das Telefon gegen ein anderes NFC-Gerät gehalten wird. Ob dies auch mit NFC-Telefonen unter anderen Betriebssystemen wie Android möglich sein wird, muss sich noch zeigen. Damit rückt auch das Bezahlen mit dem Handy in greifbare Nähe: Microsoft hat mit "Wallet" schon einmal den entsprechenden Dienst angekündigt, der etwa Kreditkarten- oder Kundenkarteninformationen in einem speziell gesicherten Bereich speichert. Genauere Angaben zu Kooperationspartnern und Akzeptanzstellen hat Microsoft bisher aber noch nicht vorgelegt – das wird also vermutlich noch ein Weilchen dauern.

Bereits jetzt verfügbar sind die Karten von Nokia, die nun zu Windows Phone gehören und somit allen Hersteller zur Verfügung stehen. Das beinhaltet unter anderem auch die Turn-by-Turn-Navigation samt akustischer Routenführung ("In 100 Metern rechts abbiegen!"). Besonders beeindruckt die Funktion "Meine Strecken", die selbständig wiederkehrende Routen erkennt und den Nutzer rechtzeitig vorwarnt, wann der losfahren muss – unter Berücksichtigung der aktuellen Verkehrslage. Sollte also eine 30 Minuten längere Fahrzeit zu erwarten sein, würde das Telefon eine halbe Stunde früher Alarm schlagen.

Musikdienst, neuer Browser und soziale Räume

Vielversprechend hört sich auch Xbox Music an: Der neue Musikdienst fügt der eigenen Musik- Bibliothek neben käuflichen Songs auch kostenloses Streaming hinzu, mehr als 30 Millionen Titel sollen zur Auswahl bereitstehen. Definitiv eine Konkurrenz zu Spotify & Co. Gegen Zahlung einer Gebühr kann die eingeblendete Werbung unterdrückt werden - auch das ist bei der Konkurrenz nicht anders. Zudem wurde der Cloud-Speicher Sky Drive wurde fest in das System integriert, sodass die Synchronisierung sämtlicher Dateien nahtlos im Hintergrund erfolgen kann. Die Backup-Funktion sorgt überdies für die Möglichkeit, beliebige Inhalte zu speichern und bei Bedarf wiederherzustellen. Zudem gibt es mit dem Internet Explorer 10 auch einen neuen Browser, der HTML 5 sowie Grafik mit voller Hardware-Beschleunigung unterstützt. Ferner können Inhalte direkt aus dem Browser heraus geteilt werden. Word Flow soll selbständig lernen, welche Begriffe und Formulierungen der Nutzer häufig verwendet und daher bereits im Voraus das nächste Wort anbieten, um den Tippaufwand zu reduzieren. Darüber hinaus ist es nun möglich, komplette E-Mails zu diktieren.

Mit Rooms stellt Microsoft eine clevere Neuheit vor, die zunächst an die Kreise von Google+ erinnert, jedoch weit darüber hinausgeht. So können Informationen zwar geteilt werden, aber nicht zwingend mit allen Bekannten wie etwa auf Facebook; vielmehr lassen sich "Räume" bilden. Im ersten versammelt man die Familienmitglieder, im zweiten enge Freunde, im dritten Kollegen und im vierten womöglich die Mitstreiter im Sportverein. Fotos oder Nachrichten bleiben im jeweiligen Raum, Informationen können somit zielgenauer publiziert werden. Besonders gefällt hierbei das Teilen auch von ganzen Terminkalendern oder Nachrichten: Ein gemeinsamer Einkaufszettel der Familie etwa klingt praktisch, ebenso wie die Koordination des nächsten Filmabends unter Freunden. Der Clou: Diese Funktionen sollen sich auch mit Freunden teilen lassen, die kein Windows Phone besitzen. Namentlich angesprochen wurde eine App für iOS, die den gemeinsamen Kalender beinhaltet.

Sichere Kinder-Ecke in Windows Phone 8

Für die "Kid’s Corner" wurde gar eigens Jessica Alba bemüht, die beschrieb, wie praktisch es doch sei, dem Nachwuchs sorglos sein Smartphone überlassen zu können, weil diese lediglich in dem für sie vorher festgelegten Bereich mit speziellen Apps agieren können. Nichtsdestotrotz können die Kleinen ihre eigene Startseite individuell konfigurieren, also ihr kleines, privates Reich errichten. Wenig überraschend kam die Meldung, dass Skype schon bald fest in Windows Phone 8 verwurzelt sein wird: Der Webtelefonie-Dienst gehört ja seit geraumer Zeit zu Microsoft. Die App muss dennoch explizit vom Anwender heruntergeladen werden; Skype gehört also nicht zum "Pflichtprogramm". Die nahtlose Integration ermöglicht neben Messaging Internet- und Videotelefonie per Mobilfunk oder WLAN, wobei selbst dann Empfangsbereitschaft besteht, wenn die Skype-App geschlossen ist.

Aktualisierungen können nun auch "over the air" durchgeführt werden: Die Koppelung an den PC via Zune-Software ist also nicht länger obligatorisch. Diese wird ohnehin abgelöst von der neuen Windows Phone App, die in drei verschiedenen Varianten vorliegt. In Windows 8 ist die App bereits enthalten und wird automatisch aktiv, sobald das Handy per USB mit dem PC verbunden wird. Für Windows 7 oder im regulären Desktop-Modus von Windows 8 gibt es eine separate Software, die dritte ist für Mac. Über diese App können nicht nur beliebige Daten zwischen Rechner und Telefon ausgetauscht, sondern auch Einstellungen vorgenommen und die Inhalte des Smartphones durchsucht werden.

Trotz all dieser Neuerungen blieb die Bedienung absolut gleich - Umsteiger müssen sich zwar ein neues Smartphone kaufen, finden sich aber auf Anhieb zurecht. Lediglich zwei Details wurde an der Oberfläche verändert: Die Sperrbildschirm kann nun mit Apps nach Wahl belegt werden und die Kacheln des Home Screens lassen sich in drei verschiedenen Größen platzieren. Neben der bisherigen halben Bildschirmbreite gibt es jetzt auch die volle Breitseite sowie eine Viertelbreite. Das sieht nicht nur abwechslungsreicher aus, sondern verleiht den Apps auch eine Gewichtung.

Windows Phone 8 auf Augenhöhe mit Android und iOS

Viele Neuerungen - dennoch ist da nichts, was man nicht von anderen Plattformen kennen oder sich per App nachladen könnte. Andererseits gibt es aber auch keine Punkte mehr, in denen Windows Phone der Konkurrenz nachstehen würde: Erstmals liegt Microsoft auf Augenhöhe mit Android und iOS. Das könnte durchaus reichen, um neue Kunden für sich zu gewinnen, denn die Oberfläche von Windows Phone 8 ist unbestreitbar einfach, komfortabel und intuitiv, ja sogar die beste am Markt. Microsoft hat das Beste aus beiden Welten unter einem modernen, eigenständigen, attraktiven Dach vereint: Die Interaktivität der Android-Startseiten und die Einfachheit von iOS. Android-Fans mögen einwenden, dass eine Startseite nicht genug sei, um all die Widgets und Schnellzugriffe zu platzieren. Das ist grundsätzlich auch richtig. Doch zwingt dieses System den Anwender dazu, sich auf das wirklich Wesentliche zu beschränken, das er deshalb auch wirklich auf Anhieb wiederfindet. Hat man seine Schnellzugriffe hingegen auf fünf oder mehr Android-Home Screens verteilt, können weniger häufig benutzte Apps auch schnell zum Suchspiel werden. Das Konzept hat also durchaus auch etwas Positives!

Knackpunkt Apps: Windows Phone bietet noch relativ kleine Auswahl

Nicht zuletzt erwartet die Interessenten beispielsweise mit dem HTC 8X und dem Nokia Lumia 920 attraktive Hardware. Und jetzt gibt es auch keinen Grund mehr, von Windows Phone per se abzuraten. Bis auf einen einzigen: die Apps. Kunden kaufen ja inzwischen weniger eine reine Hardware, sondern ein Ökosystem. Wenn man schon viel Geld für ein Smartphone ausgibt, will man dieses auch individuell nachrüsten können. Doch während Android über mehr als 675.000 und iOS gar über 700.000 Apps verfügt, liegt Windows Phone bei gerade mal um die 120.000 Apps. Zugegeben: Die reine Masse allein sagt wenig aus, doch was nutzen einem zig-tausende Apps, wenn die drei, auf die es einem ankommt, nicht für die Plattform angeboten werden? Und diese Auswahl stellt sich für jeden Kunden anders dar, weshalb auch kein allgemeines Urteil gefällt werden kann, es diese 120.000 Apps nun als ausreichend angesehen werden dürfen. Daher sollte jeder Interessent vorab selbst im Windowsphone Store nachsehen, ob die für ihn persönlich unentbehrlichen Apps vorhanden sind. Falls ja, gibt es wie gesagt keinen Grund mehr, Mobiltelefone unter Windows Phone 8 nicht in die engere Wahl zu ziehen. Und da könnten sie dann aufgrund der genialen Oberfläche durchaus punkten.

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