Blaue Briefe

Kommentar: Wenn eine Flatrate keine Flatrate ist

Es gibt Flatrates, die eigentlich nicht so heißen dürften. Bei etlichen Anbietern wird Kunden wegen angeblich übermäßiger Nutzung gekündigt. Derzeit sorgen unter anderem Arcor, congstar und Base für Schlagzeilen. Wir blicken hinter die Kulissen!

Festnetz© Peter Atkins / Fotolia.com

Wer eine Flatrate gebucht hat, kann zur den angegebenen Zielen so lange telefonieren, wie er oder sie will. So denken viele Kunden, doch das bewahrheitet sich nicht immer. Es empfiehlt sich, die AGB des Anbieters genau zu lesen, bevor man einen Vertrag unterschreibt. Doch auch dort findet man nicht immer die gewünschten Infos.

Ab wann ist es Missbrauch?

Denn nicht selten ist der groß mit "Flatrate" beworbene Tarif eben doch gedeckelt. Das passiert auf dem DSL-Sektor genauso wie auf dem Telefonie-Sektor; mehrere Anbieter gerieten diesbezüglich schon in die Schlagzeilen. Aktuell berichten Nutzer in verschiedenen Foren beispielsweise von Kündigungen bei Arcor, congstar oder Base. Den Nutzern wird offenbar in vielen Fällen gekündigt, ohne dass sie eine Vorwarnung erhalten hatten. Die Anbieter sehen ihre Praxis durch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen gedeckt, in denen man sich eine Kündigung bei "missbräuchlicher Nutzung" vorbehält. Die Krux: Was eine missbräuchliche Nutzung ist, sagen die Anbieter nicht.

Flatrates erweisen sich als gedeckelt

Die Anbieter sagen unisono, es werde nur "in Ausnahmefällen", "in sehr seltenen Fällen" gekündigt - nur dann, wenn die Flatrates "in außergewöhnlich hohem Maße" genutzt worden seien. Eine unüblich hohe Nutzung (was immer damit gemeint ist) lege die Vermutung nahe, dass zumindest teilweise nicht zu privaten, sondern zu geschäftlichen Zwecken telefoniert worden sei. Und da die Tarife allesamt auf Privatnutzer beschränkt sind, fühlen sich die Anbieter im Recht, wenn sie mit Verweis auf eine quasi-geschäftliche Nutzung den Vertrag beenden.

Unfaire Nutzung gibt es zweifellos

Von außen ist es schwer zu beurteilen, ob ehrliche Vieltelefonierer zu Unrecht angemahnt werden oder ob eine quasi geschäftliche Nutzung die vereinbarten Bedingungen tatsächlich unterläuft. Arcor zufolge bräuchten ehrliche Kunden den Sachverhalt lediglich zu erklären und hätten dann nichts zu befürchten. Wenn allerdings ein ausländischer Imbissbudenbesitzer seine Gäste in ihr Heimatland telefonieren lässt und dafür vielleicht sogar Geld nimmt, dann sähe die Sache anders aus. Als unfair ist sicherlich auch eine Nutzung von Handys als Babyphones anzusehen - eine solche Dauernutzung schafft kein Vieltelefonierer. Es ist verständlich, wenn sich die Anbieter vor solchen Kunden schützen wollen. Doch warum ziehen sie keine Grenze?

Fair Flats können eine Lösung sein

Eigentlich ist eine gedeckelte Flatrate ein Unding - was als Pauschaltarif bezeichnet wird, sollte auch alles pauschal umfassen. Insofern ist der Unmut von ehrlichen Vieltelefonierern mehr als verständlich. Doch derzeit fragen sich viele in der Branche, warum die Anbieter erst Angebote für Dauerquassler massiv bewerben und dann den Kunden sagen, dauerquasseln sei nicht in Ordnung. Für die Datennutzung haben sich Fair Flats bewährt - warum nicht auch in der Telefonie? Beispiel: Wenn eine Flatrate zu einem bestimmten Ziel (das Festnetz, ein Handynetz, ein Auslandsziel) zwei oder drei Stunden pro Tag beinhaltete, würde das den allermeisten Nutzern ausreichen. Wer mehr telefonieren möchte, würde pro Minute abgerechnet oder müsste einen Aufpreis zahlen. Sicherlich hätte man dann keine echte Flatrate mehr, doch fairer als die derzeitige Praxis wäre es allemal.

Erst anlocken, dann kündigen

Klar ist: Der Telefonanbieter hat das Problem, dass seine Mischkalkulation aufgehen muss. Diejenigen Kunden, die eine Flatrate buchen und eigentlich gar nicht brauchen, zahlen sozusagen für die Extremnutzer mit. Doch dass es etliche Extremnutzer geben würde, hätten die Anbieter wissen müssen - wann immer es etwas zum Pauschalpreis gibt, wird mehr konsumiert als bei einer Einzelabrechnung. Sich nun darüber zu wundern und die Kunden für etwas in Haftung zu nehmen, was ihnen genau so angepriesen wurde ("absolute Redefreiheit"), wird nun in der Branche kritisiert - zu Recht, wie wir meinen.

Wünschenswert: Gezielte Ansprache

Anstatt den Kunden ohne Vorwarnung blaue Briefe zu schicken, wäre eine Art Abmahnung wünschenswert. So hatten beispielsweise T-Mobile und Vodafone in ihren 5-GB-Fair-Flats erst nach dreimaliger Überschreitung der Barriere Extra-Geld verlangt. Nun wird nach 10 GB der Speed gedrosselt. Auch wir sehen solche Konzepte als angemessene Reaktion auf steigende Bedürfnisse der Nutzer einerseits und eine generell stärker werdende Mobilität andererseits. So kann es zum Beispiel passieren, dass die Telefon- oder Datenkosten aufgrund eines längeren dienstlichen Aufenthaltes in einer anderen Stadt zeitweilig sehr hoch sind, dann aber auf ein deutlich geringeres Maß zurückfallen. Extremnutzer sehen anders aus. Doch viele Kunden monieren jetzt, ihnen sei gekündigt worden, obwohl sie nur vorübergehend mehr telefoniert hätten.

Den Kontakt suchen

Die gezielte Ansprache von Powernutzern könnte also eine Lösung sein. Wenn deren Zahl so gering ist, wie die Anbieter sagen, hielte sich der Aufwand in Grenzen. Klar ist aber auch: Eine kurze Mindestlaufzeit wie etwa bei congstar berechtigt nicht nur den Kunden, sich Knall auf Fall einen neuen Anbieter zu suchen, sondern auch den Anbieter, sich von bestimmten Kunden zu trennen. Begründet werden muss das nicht. Rein rechtlich sind die Anbieter - bislang jedenfalls - auf der sicheren Seite. Kunden, denen aus ihrer Sicht zu Unrecht gekündigt wurde, sollten ihren Anbieter trotzdem auf das Problem ansprechen. So hat Arcor zum Beispiel immer wieder erklärt, man wolle keine Vielnutzer vertreiben, sondern nur Missbrauch bekämpfen. Also: Wenn der Anbieter den Kontakt schon nicht sucht, solte es wenigstens der Kunde tun. Auch wenn er das Recht (sprich, die AGB) nicht auf seiner Seite hat.

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