Bestandsaufnahme

Der Discounter-Boom - gibt es ihn wirklich?

Radipe gesunkene Preise, ein ganzes Dutzend neuer Anbieter - der deutsche Mobilfunkmarkt durchläuft eine spannende Phase und ist so heiß umkämpft wie nie. Doch sind die Discounter tatsächlich schon so weit, dass sie den "Großen" ernstlich die Suppe versalzen können?

Lächeln© Yvonne Bogdanski / Fotolia.com

Ein gutes Dutzend neuer Mobilfunk-Discounter mischt seit einiger Zeit den deutschen Markt auf. Doch wie groß ist die Wechselbereitschaft der Kunden wirklich, welche Erfolge konnten die Discounter bereits erzielen? Angesichts aktueller Zahlen bzw. Schätzungen sieht es so aus, als hätte der große Boom der Billigheimer noch längst nicht stattgefunden.

Die Vorreiter: Tchibo und simyo

Die beiden bislang mit Abstand erfolgreichsten Marken sind die beiden, die als erste gestartet sind: Tchibo und simyo. Und das liegt nur zum Teil daran, dass sie tatsächlich schon länger auf dem Markt sind, also mehr Zeit zum Verkauf hatten. Vielmehr haben beide regelrecht in ein Wespennest gestochen, als sie starteten, und jeweils etwas bis dato völlig Neues präsentiert. Tchibo verkaufte bei seinem Start im Oktober 2004 bereits in den ersten Tagen über 20.000 Handy-Bundles, inzwischen sind es über 600.000 geworden. Zum Vergleich: Für 50.000 Stück hatte der erste virtuelle Netzbetreiber Quam, inzwischen längst pleite, ein Vierteljahr gebraucht.

Im Mai 2005 kam dann simyo. Im Vergleich zum Tchibo-Starttarif von 35 Cent pro Minute waren die 19 Cent, mit denen simyo loslegte, wiederum eine Revolution - ähnlich wie die 35 Cent von Tchibo zuvor, denn einen solchen Tarif hatte es als Prepaid-Angebot und rund um die Uhr zuvor nicht gegeben. Auch simyo hatte großen Erfolg, wenngleich die E-Plus-Tochter auch keine Zahlen herausgibt, die dies belegen könnten. Doch dass simyo unter den Discountern im E-Plus- und T-Mobile-Netz der erfolgreichste ist, gilt als offenes Geheimnis. Schon im August 2005 konnten einer Umfrage zufolge 80 Prozent der hiesigen Internetnutzer mit dem Namen simyo etwas anfangen - die zahlreichen Werbekampagnen hatten sich also gelohnt.

Auch Aldi muss kämpfen

Seitdem sind die Preise zwar nochmals gesunken, weder Tchibo noch simyo konnten ihre Einstiegspreise halten. Doch der Preisrutsch war bei weitem nicht so eklatant wie zuvor. Auch der Lebensmitteldiscounter Aldi, neben Ikea und Nivea eine der drei bekanntesten Marken in Deutschland überhaupt, hatte ganz offenbar mit seinem Tarif nicht den erwarteten Erfolg. Zwar munkelte man recht bald von 300.000 verkauften Handykarten, doch Branchenkenner wollen erfahren haben, dass diese Zahl auch verkaufte Aufladekarten beinhaltete.

Und die anderen? Zahlen gibt es kaum, doch die meisten Discounter dürften sich noch im fünfstelligen Bereich bewegen. So sagte kürzlich ein Sprecher von debitel light, einer der vermutlich bekannteren Marken, man bewege sich derzeit auf eine sechsstellige Kundenzahl zu. simply, ein mit zwei Tarifen im Markt vertretener Anbieter, zählte Ende Oktober 2005 75.000 Kunden - ob die zum Jahresende anvisierten 100.000 Kunden erreicht wurden, ist nicht bekannt.

Überraschend erfolgreich: die Netzbetreiber

Wer hingegen Zahlen nannte, waren die vier Netzbetreiber, und diese Zahlen waren zum Jahresende deutlich besser als von vielen in der Branche erwartet. T-Mobile etwa konnte allein im Weihnachtsquartal über 800.000 Neukunden gewinnen, Analysten hatten mit deutlich weniger gerechnet. Das höchste Wachstum verzeichnete Erzkonkurrent Vodafone mit 900.000 Kunden im vierten Quartal. Auch E-Plus und o2 vermeldeten gute Zahlen, vor allem im Bereich Vertragskunden, was angesichts des Discounter-Booms zu denken gibt.

Gerade bei T-Mobile und Vodafone aber haben besonders viele Kunden ein Handy-Bundle mit Prepaidkarte gekauft, das sich auf dem Gabentisch offenbar besser machte als eine Handykarte ohne Handy. Ganz offenbar sind Niedrigpreise also längst nicht alles. Die Discounter selbst haben bereits Umfragen im Auftrag gegeben, die eine gewisse Behäbigkeit der deutschen Mobilfunkkunden erkennen lassen. So könnten sich rund 60 Prozent aller Befragten zwar vorstellen, zu einem Discounter zu wechseln, doch ob sie dies tun werden, steht in den Sternen. Knapp 30 Prozent hingegen gaben an, nicht zu einem Discounter gehen zu wollen.

Fazit: Nach dem Boom ist vor dem Boom?

Obwohl er angeblich so gesättigt war, ist der deutsche Mobilfunkmarkt allen Unkenrufen zum Trotz im vergangenen Jahr überraschend stark gewachsen. Der große Boom der Discounter ist jedoch ausgeblieben. Auf lange Sicht schreiben viele den Billiganbietern ein Potenzial von 15 bis 20 Prozent zu, doch ob dieses Ziel erreicht werden wird und von wem, kann derzeit nur spekuliert werden. Noch ist der Unterschied zwischen den "Kleinen" und den "Großen" immens: Alle Discounter im E-Plus-Netz zusammen haben derzeit eine Million Kunden, allein Marktführer T-Mobile kommt auf beinahe das Dreißigfache.

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