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Zehn Jahre Bremer Ökodorf: Wie Freiluft-WG

Die Ursprünge des Bremer Ökodorfs gehen auf Bebauungspläne der Stadt im Parzellengebiet am Weidedamm in Bremen-Findorff Anfang der 90er-Jahre zurück. Klaus Möhle gründete eine Bürgerinitiative, woraus der Verein "Grüner Weidedamm" entstand. Jetzt feiert das Projekt seinen zehnten Geburtstag.

Hochspannungsleitung© Gina Sanders / Fotolia.com

Bremen (ddp-nrd/sm) - Der Fußweg vom Parkplatz zum Bremer Ökodorf führt an einem Sammelsurium von Briefkästen vorbei. So individuell wie die Wohnformen der 35 Bewohner sind, so verschieden sind auch die Kästen: Auf einem wachsen Grünpflanzen, einer ist mit Kunstrasen und Plastikblumen verziert, andere haben einfach eine Kiste auf einen Stuhl gestellt. Der Weg führt weiter an dichten Büschen vorbei, bis die ersten selbst gebauten Häuschen sowie Bau- und Circuswagen zu sehen sind. Das Ökodorf an der Lesum feiert in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag.

"Wir leben hier zufriedener als je zuvor", sagt Klaus Möhle, der seit Anbeginn in der Gemeinschaft wohnt. "Die Konflikte haben sich zurechtgeruckelt." Probleme gab es am Anfang mit den Nachbarn, die einige hundert Meter weiter wohnen. "Die hatten das Gefühl, da kommt eine Horde Krimineller", erinnert sich der 52-jährige Möhle, der für die Grünen in der Bürgerschaft sitzt. Heute kämen sie sogar zu Besuch vorbei.

Auch die Furcht vor Räumung ist Vergangenheit. Das Land, auf dem das Ökodorf steht, ist "Friedhofserwartungsfläche". Doch keiner rechnet mehr damit, dass es jemals als Friedhof genutzt wird. "Viel zu weit draußen für ältere Menschen", sagt Möhle. Die Ursprünge des Ökodorfs gehen auf Bebauungspläne der Stadt im Parzellengebiet am Weidedamm in Bremen-Findorff zurück. Möhle zog Anfang der 90er Jahre dorthin und baute sich eine Bude aus. Er gründete eine Bürgerinitiative, woraus der Verein "Grüner Weidedamm" entstand, dessen Vorsitzender Möhle noch heute ist. Als die Bebauung nicht mehr zu verhindern war, handelte der Verein eine Ersatzfläche aus. Die Stadt bot an der Lesum zwei Hektar zur Pacht an. Kosten pro Person und Monat: 92 Euro.

Heute wohnen 35 Menschen im Ökodorf, darunter vier Kinder. Zehn Bewohner stammen noch aus der Anfangszeit. In der Gemeinschaft leben Heilpraktiker, Elektromeister, Tischler, Lehrer und Psychologen. "Wir sind ein extrem gemischtes Völkchen", sagt Möhle, der sich ein 50 Quadratmeter großes Haus aus Lehm und Holz gebaut hat. Die Türen stehen für jeden offen, es werden zusammen Feste im Gemeinschaftshaus gefeiert, manche kochen zusammen. "Das ist hier wie in einer Freiluft-WG", sagt Möhle.

Wer ins Ökodorf ziehen darf, entscheidet ein Plenum. Interessenten müssen zunächst im Gästewagen zu Probe wohnen. "Im Sommer kommen die Leute manchmal mit leicht romantischen Vorstellungen", hat Möhle die Erfahrung gemacht. Zwar gibt es Strom, Telefon und Wasser. "Im Winter ist das Leben aber doch anders als in einer Wohnung mit Zentralheizung", betont Möhle. Die Öfen müssen mit Holz angefeuert werden, die wenigsten haben ihre (Kompost-)Toilette im Haus.

Für Marianne Reuter bietet das Ökodorf dagegen das "perfekte Wohnen". "Man lebt hier nicht so eng wie in einer Familie, aber enger als in einem Dorf", sagte die 31-jährige Schneiderin, die in einem 80-Seelen-Ort aufgewachsen ist. Am Ökodorf liebt sie die Nähe zur Natur und den regen Austausch über ökologische Fragen. "Hier können wir alles ausprobieren", sagt Reuter. Sei es, ein Haus aus Strohballen zu bauen oder seinen Briefkasten zu bepflanzen.

Von ddp-Korrespondentin Janet Binder

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