Schneller Atomausstieg möglich?

Wirtschaft und Umweltverbände streiten über Atomausstieg

Nach der Ankündigung, die AKW-Laufzeitverlängerung vorerst auszusetzen, streiten Wirtschaft und Umweltschützer über das mögliche Tempo beim Atomausstieg. Laut WWF und Öko-Institut könnte man bis 2020 ohne Stromlücke oder hohe Preise aus der Kernenergie aussteigen, die Wirtschaft warnt jedoch vor Populismus.

Stromtarife© Gina Sanders / Fotolia.com

München/Berlin (dapd/red) - Die Wirtschaft warnte vor einem überhasteten Abschalten. Der World Wide Fund For Nature (WWF) und das Öko-Institut präsentierten ein Szenario, nach dem bereits 2020 oder früher auf die Kernenergie verzichtet werden könnte. Die Solarindustrie allerdings plädierte am Freitag auch für einen schnellen Atomausstieg.

Einhellig forderten die Präsidenten der Wirtschafts-Spitzenverbände, die Konsequenzen aus dem Atomunfall in Japan sehr sorgfältig zu bedenken und eine international abgestimmte Lösung zu finden. "Wir alle wissen, dass wir nicht von heute auf morgen aus der Kernkraft aussteigen können", sagte Industriepräsident Hans-Peter Keitel dem Bayerischen Rundfunk.

Industrie will Wirtschaftsaufschwung nicht gefährden

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte im Bayerischen Rundfunk davor, "unter dem Eindruck der gegenwärtigen Ereignisse im Zustand der Angst und der Hektik" langfristig falsche Entscheidungen zu treffen. Atomkraft werde als Brückentechnologie noch benötigt. "Da dürfen wir Deutschland nicht isoliert betrachten, sondern da muss europäisch abgestimmt eine Lösung gefunden werden." Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Hans Heinrich Driftmann, forderte, die Ursachen und Lehren von Japan "transparent und rein rational zu untersuchen" und "dann die Maßnahmen zu Ende zu denken". Das müsse ergebnisoffen geschehen.

Industriepräsident Keitel sagte, die Katastrophe in Japan werde die Weltwirtschaft belasten, "und auch die Frage des Ausstiegs aus der Kernenergie wirft Fragen auf. Das alles müssen wir bedenken, damit es nicht zu einem Abbruch des Aufschwungs kommt".

Solarwirtschaft: Atomenergie auch nicht als Brücke nötig

Die Solarwirtschaft dagegen hält eine schnelle Abkehr von fossilen und nuklearen Energieträgern für möglich. Der Präsident des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW-Solar), Günther Cramer, erklärte in Berlin, für den Systemwandel in der Energieversorgung "benötigen wir die Atomenergie nicht - auch nicht als Brückentechnologie". Auf dem Weg dahin müsse aber die Netzintegration der erneuerbaren Energien beschleunigt werden, verlangte Cramer. Ein signifikanter Anteil an der Stromversorgung sei ohne wesentliche Erhöhung der Umlage für Verbraucher erreichbar.

Atomausstieg bis 2020 ohne Stromlücke möglich

Das Öko-Institut und der WWF erklärten einen Ausstieg bis 2020 für möglich, ohne dass die Strompreise explodierten oder eine Stromlücke entstünde. Auch Sonnen- und Windenergieanlagen müssten nicht über die bisher geplanten Grenzen hinaus ausgebaut werden, erklärte Felix Matthes vom Öko-Institut. Er stellte Untersuchungen vor, die das Institut angesichts der durch die Atomkatastrophe in Japan entstandenen Situation angestellt hat.

Die vorhandenen und produzierenden Überkapazitäten des Systems bezifferte er auf 8.700 Megawatt Leistung. Sie ermöglichten bereits jetzt das Abschalten der sieben ältesten Atomkraftwerke und des stillliegenden Kraftwerks Krümmel. Dazu sei noch in diesem Jahr ein Wiederanfahren der "Kaltreserven" möglich, also konventioneller Anlagen, die zurzeit wegen der Überproduktion an Strom außer Betrieb seien. Sie stünden für 2.500 Megawatt, was weiteren zwei "größeren" Atomanlagen entspreche. Insgesamt könnte bis 2020 alle Atomkraftwerke durch Neubauten abgelöst werden, die mit erneuerbaren Energien oder Gas betrieben werden.

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