Areva

Wie ein französischer Atomkonzern Fukushima sieht

In einer Zwischenbilanz zur Fukushima-Katastrophe hat der französische Areva-Konzern, der weltweit Nukleartechnologie verkauft, einen "rationalen Blick" auf das Ereignis geworfen. Atomkraft sei notwendig, so die Schreiber, und außer Deutschland habe kein Land strengere Maßstäbe angekündigt.

Hochspannungsleitung© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (dapd/red) - Verstrahlte Arbeiter, verzweifelte Ingenieure, Wasser und Land teilweise radioaktiv verseucht, Bilder von zerstörten dampfenden Kernreaktoren - so nehmen Milliarden Menschen in der ganzen Welt die nukleare Katastrophe in Fukushima wahr. Man kann die Vorgänge auch anders betrachten, eher geschäftlich. Beispielsweise so, wie der französische Konzern Areva, der weltweit Nukleartechnik verkauft. Der Vorfall habe "viele Emotionen" hervorgerufen, auch bei Areva, heißt es in einer Zwischenbilanz vom 25. März zu den Auswirkungen der Katastrophe auf die Atombranche. Laut dem Papier, das der Nachrichtenagentur dapd vorliegt, sei es Aufgabe der Akteure auf diesem Feld, einen "rationalen Blick" auf das Ereignis zu werfen.

Dieser Blick bringt für den Reaktorbauer Erfreuliches: Veränderte Sicherheitsvorschriften könnten zwar zu Verzögerungen bei Neubauprojekten führen. Es sei - außerhalb Japans - kein Thema, Pläne für Reaktorneubauten oder laufende Bauprojekte zu stoppen. Mit Freuden dürften die Autoren einen Satz des chinesischen "Energy Chiefs" in das 33 Seiten umfassende Papier gehoben haben: Japans Nukleardesaster werde die neue Generation von Reaktoren sicherer machen.

"Ziemlich rationale Reaktionen"

Die meisten Länder mit Nuklearprogrammen oder Reaktoren hätten auf die Ereignisse "ziemlich rationale Reaktionen" gezeigt, vermerken die Areva-Schreiber. Die Kerngedanken dieser Reaktionen werden auch genannt: "Atomkraft ist notwendig", "Nicht auf der Welle der Emotionen reiten", und: "Aus der japanischen Krise müssen Lehren gezogen werden". Die meisten Staaten würden ihre AKWs überprüfen lassen, manche ihre Sicherheitsstandards checken. Nur Deutschland habe strengere Maßnahmen angekündigt. Mit Blick auf Asien stellen die Autoren fest: China habe die Zulassung neuer Reaktoren zeitweise ausgesetzt und unterziehe laufende oder im Bau befindliche Anlagen einer Sicherheitsprüfung. Dennoch sei von Betreibern und offiziellen Stellen sowohl in China als auch in Indien versichert worden, dass die Länder ihre Nuklearprogramme fortsetzen wollen.

"Eine Naturkatastrophe, keine Atomkatastrophe"

Pausen zum Nachdenken hätten sich nur sehr wenige Staaten verschrieben. Diese Maßnahmen seien meist vorsorglich ergriffen worden mit dem Ziel, "Überreaktionen zu verhindern oder einzudämmen". Wohl ganz nach dem Motto von Anne Lauvergeon, der Areva-Chefin. Sie sagte einige Tage nach dem Erdbeben im französischen Fernsehen: "Es handelt sich um eine Naturkatastrophe, nicht um eine Atomkatastrophe."

Angesichts dieser Aussage ist es wenig verwunderlich, dass Areva in dem Papier ganz eindeutig feststellt: Die Katastrophe von Fukushima sei "in keiner Weise mit Tschernobyl zu vergleichen, weder technisch noch mit Blick auf die Konsequenzen". Da befindet sich der Konzern in einem Gegensatz zu anerkannten Experten. Der Münchner Strahlenbiologe und -mediziner Edmund Lengfelder sagte schon wenige Tage nach dem Erdbeben in Japan: "Ich gehe davon aus, dass es schlimmer wird als in Tschernobyl." Schließlich sei die Bevölkerungsdichte um Fukushima viel größer als in der Region um das ukrainische Kraftwerk.

Eine etwas optimistischere Einschätzung dürfte für Areva auch aus geschäftlicher Sicht verlockend sein. Die Aktien des Konzerns waren vom 10. bis zum 15 März um fast 20 Prozent abgesackt. Am 24. März waren es immerhin noch 12 Prozent.

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