Preisträger

Wie ein Fachwerkstädtchen klimaneutral werden will

Ein nordhessisches Städtchen will beim Thema erneuerbare Energien bundesweit an die Spitze. Wolfhagen, ein Fachwerkort mit 13.000 Einwohnern westlich von Kassel, möchte in fünf Jahren den gesamten Strombedarf seiner Bürger und Gewerbebetriebe selbst decken - mit grünem Strom, der zu 100 Prozent an Ort und Stelle erzeugt wird.

Energieversorung© Gina Sanders / Fotolia.com

Wolfhagen (dapd/red) - Bis zum Jahr 2030 soll die Stadt sogar eine ausgeglichene CO2-Bilanz bekommen, Gebäudeheizung und Verkehr eingeschlossen. Das Vorhaben findet höchste Anerkennung. Von einem "zukunftsweisenden Projekt" sprach Landesumweltministerin Lucia Puttrich (CDU) am Dienstag anlässlich eines Besuchs in Nordhessen. "Der Ausbau erneuerbarer Energien kann nur gelingen, wenn alle an einem Strang ziehen - Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Kommunen", sagte die Ministerin.

Das Bundesforschungsministerium kürte Wolfhagen jüngst sogar zu einem der fünf Preisträger im bundesweiten Wettbewerb "Energieeffiziente Stadt". Außerdem siegten Delitzsch (Sachsen), Essen, Magdeburg und Stuttgart.

Bürgermeister setzt auf Energiesparen

In den nächsten fünf Jahren können die Nordhessen vom Bund bis zu eine Million Euro beantragen, um zusammen mit ihren wissenschaftlichen Partnern wie dem Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Kassel die Ansätze weiter voranzutreiben und in der Praxis zu erproben. So will man etwa die Rolle ausloten, die Elektroautos künftig für die Mobilität im ländlichen Raum spielen können. Und es sollen neue Techniken zur Wärmedämmung und energetischen Sanierung von historischen Gebäuden entwickelt werden.

Der Weg zur klimaneutralen Kommune könne nur über das Einsparen von Energie führen, erklärt Bürgermeister Reinhard Schaake. "Es geht darum, das alte Fachwerk so zu gestalten, dass es Spaß und Freude macht, darin zu wohnen - und dass es bezahlbar bleibt." Weil das nur funktionieren kann, wenn die Bevölkerung mitzieht, sind Bürgerbeteiligung und Information eine weitere wichtige Säule des Wolfhager Konzepts: "Energieeinsparung fängt in den Köpfen an", sagt der parteilose Rathauschef. "Unser Motto ist: Energie sparen, Geld sparen und dabei besser leben."

Am weitesten gediehen sind die Pläne für das erste große Ziel: die Stromversorgung komplett auf Ökostrom umzustellen, gewonnen aus eigenen Solar-, Windkraft- und Biomasseanlagen. Das lokale Stromnetz haben die Stadtwerke Wolfhagen bereits 2006 dem Energiekonzern E.ON abgekauft. Schon heute kämen 15 Prozent des Stroms in Wolfhagen aus Sonnenenergie, verkündet Schaake stolz. Im Bundesdurchschnitt war es 2009 gerade einmal ein Prozent.

Umstrittene Windräder

Herzstück des Energiekonzepts ist ein "Bürgerwindpark" - finanziert über Anteile, die von den Menschen in Wolfhagen erworben werden können. Fünf Windräder, jeweils 180 Meter hoch, sollen ausreichen, zwei Drittel des örtlichen Strombedarfs zu decken.

Diese zentrale Idee der Kommune wird freilich von unerwarteter Seite abgelehnt: Ausgerechnet Umweltschützer machen gegen das Energiewende-Konzept mobil. Eine Bürgerinitiative will die Riesenwindräder, die mitten im Wald auf einem Berg errichtet werden sollen, unbedingt verhindern und kritisiert das Vorhaben als "ökologisch verschleiertes Profitdenken" und "eine der größten Landschaftsverschandelungen und Naturzerstörungen der letzten Jahrzehnte im Wolfhager Land".

Auch der Naturschutzbund (NABU) Hessen spricht von einer Fehlplanung: "Es kann nicht sein, dass Windkraftanlagen vermehrt in Gebieten aufgestellt werden, die überregional für den Schutz von Schwarzstorch, Rotmilan und Fledermäusen von großer Bedeutung sind", sagt NABU-Landesgeschäftsführer Hartmut Mai. Der Erhalt der biologischen Vielfalt dürfe dem zweifellos unverzichtbaren Ausbau von Ökostrom nicht geopfert werden.

Mehr Infos gibt es unter wolfhagen-energenial.de.

Das könnte Sie auch interessieren
  • Hochspannungsleitung

    Eingriffe in das Stromnetz verteuern Strompreis

    Eingriffe in das Stromnetz durch die Netzbetreiber werden immer häufiger notwendig. Das kommt auch dem Verbraucher teuer zu stehen, denn die sogenannten "Redispatchmaßnahmen" werden letztendlich über den Strompreis finanziert.

  • Ökostrom

    Teurer EEG-Umlage stehen hohe Einsparungen gegenüber

    Die EEG-Umlage steigt schon wieder und das dürfte einige Bundesbürger skeptisch machen. Einer Studie zufolge stehen aber den hohen Förderkosten für den Ausbau der Erneuerbaren auch hohe Einsparungen beim Energieimport gegenüber.

  • Strompreise

    Bundesrat will bei Laufzeitverlängerung mitreden

    Mit einem Entschließungsantrag im Bundesrat wollen mehrere SPD-geführte Länder verhindern, dass die schwarz-gelbe Koalition unter Ausschluss der Länderkammer die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängert.

  • Hochspannungsmasten

    Rekommunalisierung: Vorteile versus Verluste

    Die kommunalen Versorger laufen Sturm gegen den Atom-Deal. Sie befürchten, ihre Investitionen in kleine Kraftwerke kaum refinanzieren zu können. Doch genau mit diesen kleinen, ökologisch orientierten Vorhaben könnten die Stadtwerke in Zukunft punkten, meint man beim Beratungshaus Steria Mummert Consulting.

  • Stromnetz Ausbau

    Grüne stellen nach Atom-Deal Schwarz-Grün in Frage

    Die Grünen haben der schwarz-gelben Bundesregierung angesichts der jüngsten Atom-Entscheidung den Kampf angesagt. Bei ihrer Herbstklausur am Mittwoch in Mainz verurteilte die Grünen-Fraktion die geplanten Laufzeitverlängerungen für deutsche Atomkraftwerke und kündigte heftigen Widerstand an.

Top