Anschauen

WDR-Magazin "markt": Vor Anschlägen sichere Atomkraftwerke nicht finanzierbar

Wie der Leiter der Reaktor-Sicherheitskommission Lothar Hahn gegenüber dem WDR erklärte, können ältere Atomkraftwerke allein aus Kostengründen sicherheitstechnisch nicht nachgerüstet werden.

Hochspannungsmasten© Günter Menzl / Fotolia.com

Die meisten deutschen Atomkraftwerke sind auch nachträglich gegen Terroranschläge faktisch nicht abzusichern. Dies erklärte der Leiter der von Bundesumweltminister Trittin eingesetzten Reaktor-Sicherheitskommission, Lothar Hahn, gegenüber dem Westdeutschen Rundfunk. Hahn schloss entsprechende Baumaßnahmen für ältere Atommeiler schon aus statischen Gründen aus, bei allen Kraftwerken scheitere eine Nachrüstung ohnehin an der Kostenfrage. "Ich halte es für illusorisch, Kernkraftwerke so sicher machen zu können, dass Terrorangriffe nicht möglich sind", so der Leiter der Reaktor-Kommission wörtlich. Über die immensen Kosten einer Nachrüstung von Atomkraftwerken berichtet das WDR-Fernsehen heute in seinem Wirtschaftsmagazin "markt" von 21.05 Uhr bis 21.45 Uhr.

Die Reaktor-Sicherheitskommission soll Umweltminister Trittin bis Mitte Oktober zu der neuen Bedrohung einen Bericht vorlegen. Gegenüber dem WDR erklärte ihr Leiter Hahn vorab, die 19 deutschen Atommeiler seien nicht nur durch Angriffe aus der Luft gefährdet. Ein Anschlag mit schwereren tragbaren Waffen auf zum Teil oberirdisch verlegte Kühlleitungen könnte genügen, um den Reaktorkern zum Überhitzen zu bringen. Die Folge wäre eine aus der Katastrophe von Tschernobyl bekannte Kernschmelze. Die Kosten einer umfassenden Absicherung eines einzigen Kraftwerks bezifferte Hahn auf nahezu zwei Milliarden Mark. Setze man diesen Betrag in Relation zu den normalen Baukosten für ein Kraftwerk von fünf Milliarden Mark, könne "man sich vorstellen, dass sich das nicht mehr lohnt."

Zur Frage, ob diese Erkenntnisse einen schnellstmöglichen Ausstieg aus der Atomenergie erfordern, wollte sich Bundesumweltminister Trittin gegenüber dem WDR nicht äußern. Aus dem renommierten Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie hieß es, Überkapazitäten bei der Stromproduktion sowie leicht umsetzbare Energiesparmaßnahmen würden es erlauben, die Hälfte aller Kraftwerke sofort vom Netz zu nehmen. Der früher bei Siemens mit Entwicklung und Bau von Kernkraftwerken beauftragte Nuklear-Experte Klaus Traube verwies auf die Möglichkeit, ältere Kohle- und Gaskraftwerke zu reaktivieren: "Wenn man es will, kann man die Kernkraftwerke innerhalb von wenigen Wochen abschalten."

Das könnte Sie auch interessieren
  • Atomkraft

    Deutschland unterstützt Kiew weiter bei Tschernobyl-Folgen

    Deutschland will die Ukraine weiter bei der Finanzierung der Folgen des Super-Gaus in Tschernobyl unterstützen. Noch immer wurde die neue Schutzhülle, die vor der radioaktiven Strahlung der dort lagernden Abfälle schützen soll, fertiggestellt.

  • Atomkraftwerk

    Japan will AKW-Sicherheit offenbar merklich verschärfen

    Die Nukleare Regulierungsbehörde in Japan bereitet Presseberichten vom Mittwoch zufolge eine Verschärfung der Sicherheitsnormen für die Atomanlagen des Landes vor. Damit die derzeit infolge der Katastrophe von Fukushima abgeschalteten 48 Meiler wieder in Betrieb genommen werden können, sind demnach aufwändige Infrastrukturarbeiten erforderlich.

  • Hochspannungsmasten

    Bundesregierung beschließt neues Atomgesetz

    Der erste Schritt ist gemacht: Das Bundeskabinett hat heute den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen. Die Novellierung des Atomgesetzes soll noch bis Ende des Jahres im Bundestag abgeschlossen werden.

  • Hochspannungsleitung

    DNR lehnt Trittins Atomausstiegsgesetz ab

    Der Deutsche Naturschutzring empfindet das Gesetz zum Ausstieg aus der Kernkraft als unverantwortlich und lehnt es deshalb ab.

  • Energieversorung

    Deutschland steigt aus: Kernenergie wird "geordnet beendigt"

    Heute abend werden Bundeskanzler Schröder, Wirtschaftsminister Müller, Umweltminister Trittin und die Vorstandsvorsitzenden der vier größten deutschen Energieversorger die Vereinbarung zum Ausstieg aus der Atomkraft unterzeichnen. Bis zum Schluss bleibt das Werk umstritten.

Top