Radioaktive Flüssigkeit

Warum sich die Verglasung der "Atomsuppe" weiter verzögert

In der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe lagern derzeit 60.00 Liter radioaktive Flüssigkeit, die in Glas eingeschmolzen und damit in eine weniger gefährliche und transportable Form gebracht werden soll. Doch der Termin für die Verglasung verzögert sich weiter. Die Anlage werde derzeit weiter auf ihre Sicherheit geprüft.

Stromtarife© Gina Sanders / Fotolia.com

Karlsruhe (ddp/red) - Der häufig verwendete Begriff "Atomsuppe" klingt harmlos. Doch jene rund 60.000 Liter hoch radioaktiven Flüssigabfalls, die seit Jahren auf dem Gelände der 1991 stillgelegten Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) in zwei Edelstahltanks hinter dicken Mauern lagern, wären in ungeschütztem Zustand absolut tödlich. Dieser nukleare Abfall enthält rund 16 Kilogramm Plutonium und 500 Kilogramm Uran, außerdem Spaltprodukte wie Cäsium und Strontium. Die "Atomsuppe" blieb übrig, als von 1971 bis Ende 1990 in der WAK rund 200 Tonnen Kernbrennstoffe aufgearbeitet wurden.

Termin verzögert sich erneut - weitere Prüfungen

Das strahlende Konzentrat soll nun in Glas eingeschmolzen und damit in eine weniger gefährliche und zugleich transportable Form überführt werden. Doch der Start der eigens dafür gebauten Verglasungseinrichtung Karlsruhe (VEK), der zunächst für Ende Juni und dann für Ende Juli 2009 geplant war, verzögert sich erneut - wohl für Wochen oder sogar Monate. Der Umfang des "letzten Prüfschritts", den ein TÜV-Gutachter derzeit vornimmt, wird bei der WAK GmbH zwar eher als gering angesehen. Der WAK-Bereichsleiter für Zentrale Aufgaben, Alfred Sahm, sagte auf ddp-Anfrage, es seien "nur noch wenige Punkte" zu klären. "Das ist keine große Aktion."

Doch weder der WAK-Experte noch ein Sprecher des baden-württembergischen Umweltministeriums als Atomaufsichtsbehörde wollten einen ungefähren Zeitpunkt für den Beginn des "heißen Betriebs" der Verglasungsanlage nennen. Der energiepolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Franz Untersteller, hat bereits Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) aufgefordert, zu erklären, "warum es immer wieder zu Verzögerungen kommt, und warum diese dann scheibchenweise bekanntgegeben werden".

Anlage auch gegen Terrorangriffe sichern

Tatsächlich geht es darum, dass die Verglasungsanlagen nach Angaben Sahms "gegen alle möglichen zu unterstellenden Ereignisse" geschützt ist. Und das schließt auch Flugzeugabstürze oder terroristische Angriffe mit Flugzeugen ein. Der 11. September 2001 habe sich "in der Objektsicherung ausgewirkt", bestätigt der WAK-Bereichsleiter. Die VEK ist ein quaderförmiges Gebäude von 36 Metern Länge, 29 Metern Breite und 22 Metern Höhe sowie 1,80 Meter dicken Außenwänden.

Nach Sahms Angaben muss der Gutachter nun noch in einigen Punkten einen "Abgleich" vorgelegter bautechnischer Nachweise mit seinen eigenen Berechnungen vornehmen. "Daran hängt es im Moment noch", sagte Sahm. Konkret gehe es um "Rohrleitungshalterungen in Prozesszellen", die beispielsweise Erdbeben standhalten müssten. Eine "Prozesszelle" ist jener durch meterdicke Wände abgeschirmte Bereich, "in dem sich die hohe Radioaktivität befindet und in dem das Verfahren abläuft".

Absolut geschützt sein muss auch der "Transferkanal" zwischen dem jetzigen Lagergebäude für das nukleare Konzentrat und der VEK. Hierdurch soll die strahlende Lösung gepumpt werden, die im Fachjargon HAWC ("High Active Waste Concentrate") heißt. Pro Woche sollen mehrere Hundert Liter "Atomsuppe" in Richtung Verglasung fließen. Der Transferkanal sei mit Blick auf den Schutz vor "Trümmerlasten" von der Genehmigungsbehörde und den Gutachtern "als ausreichend erachtet" worden, sagte Sahm. Es gebe wegen des immer nur in kurzen "Schlücken" verlaufenden Transfers zudem eine "sehr geringe Wahrscheinlichkeit" für ein zeitliches Zusammentreffen mit einem Flugzeugabsturz.

Verglasung soll Ende 2010 abgeschlossen werden

Bei 1200 Grad Celsius wird die strahlende Lösung dann in Glas eingeschmolzen. Nach rund eineinhalb Jahren - etwa Ende 2010 - soll der Verglasungsbetrieb beendet sein. In dieser Zeit sollen 130 endlagerfähige Glasblöcke in Edelstahlbehältern produziert werden. Diese Kokillen sollen dann in fünf Castor-Behältern in das Zwischenlager der Energiewerke Nord (EWN) bei Greifswald transportiert werden. Derzeit neigen die Experten dazu, dies in einem einzigen Transport zu machen.

Verglasungsanlagen gibt es zwar auch in England und Frankreich. Doch die Karlsruher VEK gilt als Pilotanlage, da sie nach einem neuartigen Verfahren arbeitet. Aus Fachkreisen ist zu hören, dass es solch eine Anlage "in dem Maßstab weltweit noch nicht gegeben hat". Einen Interessenten an dieser Technik, die im Forschungszentrum Karlsruhe entwickelt wurde, gibt es bereits: China.

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