VDEW-Präsident Dr. Heinz Klinger: "Stromversorger sind größte Nutzer erneuerbarer Energien"

Energieversorung© Gina Sanders / Fotolia.com
Rede von Dr. Heinz Klinger, Präsident der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW, Frankfurt am Main), anlässlich der Pressekonferenz der VDEW am 20. September 1999 in Berlin.



"Seit Ende April 1998 hat der Wettbewerb den deutschen Strommarkt bereits stark verändert. Für die Stromversorger ist dieser historische Umbruch Entdeckungsreise und Überlebenskampf zugleich. In einem Kraftakt müssen aus dem Stand neue Märkte erobert und alte gegen harte Konkurrenz verteidigt werden.


Diese dramatisch veränderte Marktsituation in Europa beeinflusst auch die Chancen der erneuerbaren Energien in Deutschland. Ein großer Teil der Öffentlichkeit, die Politik, aber auch viele Stromversorger fordern, dass der Anteil dieser Energieträger an der Energieversorgung deutlich wachsen muss. Sie eint der Wunsch, durch den Einsatz von Strom aus Wasser, Wind und Sonnenkraft die Umwelt, das Klima und die für kommende Generationen wichtigen Ressourcen zu schonen. Umstritten ist allerdings, wie den erneuerbaren Energien wirkungsvoll zum Durchbruch verholfen werden kann. Darauf werde ich noch ausführlich eingehen.



Ein Fünftel mehr Regenerativ-Kraftwerke



Zunächst stelle ich Ihnen die Ergebnisse der neuesten VDEW-Umfrage zur Bedeutung der erneuerbaren Energien in Deutschland vor. Die erneuerbaren Energien haben in Deutschland nach wie vor starken Rückenwind: 1998 erzeugten Stromversorger und private Betreiber in 21.700 (1997: 18.200) Kraftwerken Strom aus erneuerbaren Energien. Die Zahl aller Anlagen stieg damit im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent. Das größte Plus gab es bei der Photovoltaik. Die Anlagenzahl stieg um 30 Prozent von knapp 7000 auf fast 9100. Auch die Windkraft wuchs kräftig: Deutschlandweit erzeugten 5800 (4900) Rotoren Strom - 18 Prozent mehr als 1997. Die Zahl der Wasserkraftwerke nahm um gut vier Prozent auf rund 5700 (5460) zu. Die Leistung aller Regenerativ-Kraftwerke wuchs 1998 im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent auf 8270 (7500) Megawatt (MW). Das entsprach einem Anteil von rund sieben Prozent am gesamten deutschen Kraftwerkspark mit 111.000 MW.



5,2 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien



Diese Zuwächse sind beeindruckend. Für die Stromversorgung steht aber im Vordergrund, welchen Beitrag die erneuerbaren Energien zur Deckung des Stromverbrauchs erbringen: 1998 waren das 5,2 (4,6) Prozent - 0,6 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Ins Stromnetz eingespeist wurden von Stromversorgern und privaten Betreibern zusammen 25,3 (21,7) Milliarden Kilowattstunden (Mrd. kWh). Mit 18,4 (16,7) Mrd. kWh stammten davon gut 70 Prozent aus Kraftwerken der Stromversorger.



Wichtigste Ursache des Zuwachses waren die im Vergleich zum Vorjahr höheren Niederschläge und der anhaltende Boom bei der Windkraft. Die Wasserkraft war auch 1998 in Deutschland die wichtigste erneuerbare Energiequelle: Ihr Anteil stieg von 3,4 auf 3,6 Prozent. Windkraftwerke konnten etwa 0,9 (0,6) Prozent des Stromverbrauchs decken. Aus Müll stammten wieder 0,5 Prozent, aus Biomasse erneut 0,2 Prozent. Die Stromeinspeisung aus Photovoltaik stieg zwar um 50 Prozent auf 16 Mio. kWh, konnte aber nur 0,003 Prozent des Verbrauchs decken.



Die Zuwachsraten der neuen regenerativen Energien Windkraft, Biomasse und Photovoltaik sind zwar erheblich. Ihr Beitrag zur Stromversorgung in Deutschland ist mit zusammen 1,1 Prozent aber noch sehr gering. Das Potenzial der Wasserkraft ist zwar noch nicht gänzlich ausgeschöpft. Einem weiteren Ausbau stehen allerdings hohe Investitionskosten für neue Anlagen sowie zunehmend Genehmigungsprobleme und Betriebseinschränkungen auch aus Umweltschutzgründen entgegen.



Verdopplung bis zum Jahr 2010?



Das bedeutet: Szenarien, die - wie die des Bundesumweltministeriums oder der EU - eine Verdopplung des Anteils der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung bis zum Jahr 2010 vorsehen, sind nur umzusetzen, wenn der Anteil der Windkraft, Biomasse und Photovoltaik im genannten Zeitraum verfünffacht würde. Ob dieses politische Ziel erreichbar ist, hängt entscheidend von einer marktgerechten und damit effizienten Förderung ab. Sollte sich eine solche Förderpolitik endlich durchsetzen, wird auch der Beitrag der erneuerbaren Energien kontinuierlich weiter steigen. Wir rechnen damit, dass - vorausgesetzt der Stromverbrauch bleibt annähernd auf dem heutigen Niveau - ihr Anteil dann von heute gut fünf Prozent auf etwa acht bis zehn Prozent in den Jahren 2005 bis 2010 wächst.



Die neuen Fördermaßnahmen der Bundesregierung, zum Beispiel das 100.000-Dächer-Photovoltaik-Programm und ein Förderprogramm mit Mitteln aus der Öko-Steuer, werden diese Entwicklung stützen. Sprunghafte Zuwächse, wie von machen erhofft, sind allerdings nicht zu erwarten.



Im internationalen Vergleich liegt der Beitrag der erneuerbaren Energien zur Stromversorgung in Deutschland im unteren Mittelfeld. Wichtigste Ursache sind die in anderen Ländern oft günstigeren natürlichen Rahmenbedingungen vor allem bei der Wasserkraft. Gerade bei den neuen Energieträgern Wind, Photovoltaik und Biomasse sind Vergleiche aufgrund lückenhafter internationaler Statistiken noch schwierig. Am besten erfasst sind Windkraftanlagen. Ende 1998 waren in Europa Windkraftwerke mit einer Leistung von rund 6550 MW installiert. Deutschland war Spitzenreiter mit 2700 MW. Es folgten Dänemark mit 1420 MW und Spanien mit 880 MW. Zum Vergleich: In den USA waren es 2140 MW.



Eine führende Position nimmt Deutschland auch bei der Nutzung der Photovoltaik ein. Weltweit sind zur Zeit etwa 800 MW installiert. Über die Hälfte davon sind sogenannte Inselanlagen, die nicht mit einem Stromnetz verbunden sind. Ende 1998 waren in den USA insgesamt etwa 100 MW installiert, in Japan über 100 MW und in Deutschland etwa 55 MW. Andere europäische Staaten erreichten Werte von maximal 17 MW.



2,3 Milliarden DM für erneuerbare Energien



Die Stromversorger sind größter Nutzer von erneuerbaren Energien in Deutschland. Die Unternehmen gaben 1998 rund 2,3 Mrd. DM für diese Energieträger aus - 200 Millionen DM mehr als 1997. Davon entfielen 1,1 Mrd. DM auf Planung, Bau, Erhaltung und Betrieb von wirtschaftlichen Anlagen. Das sind vor allem Wasserkraftwerke. Für Forschung, Entwicklung und den Bau von Demonstrationsprojekten wurden rund 100 Millionen DM ausgegeben. Die Vergütungen für Stromeinspeisungen nach Stromeinspeisungsgesetz und im Rahmen sogenannter kostendeckender Vergütungen lagen 1998 bei etwa 1,1 (0,8) Mrd. DM.

Meine Damen und Herren, das Stichwort "Stromeinspeisungsgesetz" führt mitten in die aktuelle Diskussion um eine sinnvolle, und das heißt aus unserer Sicht wettbewerbsverträgliche Förderung der erneuerbaren Energien. Die deutschen Stromversorger sind, wie Sie wissen, gesetzlich verpflichtet, Strom aus erneuerbaren Energien zu festgelegten Preisen zu kaufen.



Das Gesetz ist umstritten und wird inzwischen nicht nur von Gerichten, sondern auch von der EU-Kommission überprüft. Wettbewerbsverzerrend und rechtlich problematisch sind vor allem die Höhe der vorgeschriebenen Vergütungen und die im Gesetz verankerte Förderung nach dem "Gießkannenprinzip". 1998 mussten die Stromversorger 530 Mio. DM mehr für eingespeisten Strom aus erneuerbaren Energien bezahlen, als er betriebswirtschaftlich gerechnet wert war. 1999 werden es wohl knapp 700 Mio. DM sein.



Stromeinspeisungsgesetz ist wettbewerbsverzerrend



Bei einzelnen Stromversorgern verhinderte diese Zwangssubvention mögliche Preissenkungen und führte damit im Wettbewerb zu einseitigen Benachteiligungen. Gleichzeitig sorgt das Gießkannenprinzip für Mitnahmeeffekte, die völlig im Widerspruch zum Ziel des Gesetzes stehen, den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzubringen. Ein Beispiel: Wer seit Jahrzehnten ein Wasserkraftwerk betreibt, bekommt heute zwar deutlich mehr Geld für seinen Strom, ist aber nicht verpflichtet, mit den zusätzlichen Einnahmen für neue Kapazitäten zu sorgen.



Wie könnten wettbewerbsgerechtere Alternativen zum
Stromeinspeisungsgesetz aussehen? Eine marktwirtschaftlich sinnvollere Alternative ist zum Beispiel auch das von vielen Stromversorgern bereits angebotene "Greenpricing": Der Kunde zahlt freiwillig einen höheren Strompreis und bekommt die Garantie, dass die Mehreinnahmen des Stromversorgers in den Bau von Regenerativ-Kraftwerken fließen.



Oder schauen Sie nach Großbritannien: Dort werden die auch dort knappen Fördermittel über Bieterverfahren vergeben. Den Zuschlag erhält jener Anbieter erneuerbarer Energien, der das günstigste Lieferangebot machen kann. Ein solches Modell bietet einen marktgerechteren Anreiz, die Effizienz der eigenen Anlagen zu optimieren.



Maßstab für Förderung muss Effizienz sein



Entscheidend ist, dass Fördermaßnahmen und Vermarktungsmodelle durch permanenten Druck dafür sorgen, dass die Effizienz neuer Regenerativ-Kraftwerke weiter steigt. Nur so kann es gelingen, volkswirtschaftlich unsinnige Subventionen in unwirtschaftliche Anlagen oder Abschreibungsmodelle zu verhindern. Unsere Forderung ist deshalb: Alle Fördermodelle müssen sich im Wettbewerb bewähren. Damit kann mittelfristig der Subventionsbedarf reduziert werden. Denn die wirtschaftliche Kluft zwischen klassischer Stromerzeugung und Öko-Stromerzeugung bleibt trotz eventueller Markteinführungshilfen noch langfristig bestehen. Sie ist das eigentliche Handicap der erneuerbaren Energieträger.



Es kommt aber nicht nur auf Politik und Stromversorger an: Ohne eine Änderung des Präferenzverhaltens der Verbraucher, das heißt der Bereitschaft, für das Produkt "Erneuerbare Energie" mehr zu zahlen, ist kein Durchbruch im Strommarkt zu erwarten.



Meine Damen und Herren, ich bin überzeugt, dass erneuerbare Energien - je nach Erzeugungsart allerdings in unterschiedlichem Maß - auch im Wettbewerb bestehen und ausgebaut werden können. Voraussetzung ist allerdings, dass sie marktgerecht gefördert, zielgruppengerecht vermarktet und vom Verbraucher nachgefragt werden. Stromkunden und Stromanbieter wollen ihren Beitrag zum Ausbau dieser langfristig überlebenswichtigen Energiequellen leisten. Wir hoffen, dass diesem Beispiel auch die Politiker in Berlin und Brüssel folgen und ihrer Verantwortung endlich gerecht werden: Wir brauchen ökonomisch und ökologisch sinnvolle, und das bedeutet wettbewerbsverträgliche Fördermaßnahmen und Markteinführungshilfen.

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