Standpunkt

VDEW-Chef Meller: Stromwirtschaft setzt auf den Standort Deutschland

"Die sichere und zuverlässige sowie konkurrenzfähige, effiziente und umweltschonende Stromversorgung bleibt eine wichtige nationale Aufgabe." Mit diesem Worten begann der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) seine Rede zur Vorstellung der Leistungsbilanz. Wir veröffentlichen die Rede in der Originalversion.

Hochspannungsleitung© Gina Sanders / Fotolia.com

Der Branchenverband der deutschen Energiewirtschaft, VDEW, stellte gestern in Berlin die Leistungsbilanz 2001/2002 vor. Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Dr. Eberhard Meller, VDEW-Hauptgeschäftsführer, in der Originalversion.

Das Stromgeschäft ist internationaler geworden. Es ist geprägt durch die Liberalisierung des EU-Strommarktes und die globale Ausrichtung der Industrie. Dennoch: Die sichere und zuverlässige sowie konkurrenzfähige, effiziente und umweltschonende Stromversorgung bleibt eine wichtige nationale Aufgabe.

Der deutsche Strommarkt ist seit fünf Jahren voll geöffnet. Der Wettbewerb funktioniert und bestimmt das Marktgeschehen. Der Kostendruck hält unverändert an, Rationalisierung und Effizienzsteigerung bleiben Daueraufgaben. Rund 900 Stromunternehmen umwerben ihre Kunden in Deutschland. Mit 40 Millionen Haushaltskunden und etwa vier Millionen Stromkunden in Industrie, Handel, Gewerbe und Dienstleistungen ist der deutsche Strommarkt der größte und attraktivste Markt in Europa. Der EU-Strommarkt zählt rund 200 Millionen Kunden. 70 Millionen davon sind vorerst noch vom Wettbewerb ausgesperrt.

Volle Öffnung aller EU-Strommärkte überfällig

Die von den EU-Energieministern vorgesehene volle Marktöffnung für alle Länder bis spätestens Mitte 2007 war überfällig. Die Entwicklung bedeutet, dass sich die deutschen Stromunternehmen nochmals rund vier Jahre lang gegen deutliche Wettbewerbsverzerrungen in der EU behaupten müssen. Hinzu kommt der bevorstehende Beitritt der osteuropäischen Nachbarn. Er wird Deutschland noch deutlicher in das Zentrum der EU rücken. Die Veränderungen im EU-Markt erfordern eine vorausschauende Energiepolitik. Kraftwerke und Stromnetze haben strategische Bedeutung für die Volkswirtschaft. Sie beeinflussen Wertschöpfung und Arbeitsplätze - und damit den Standort Deutschland.

Kraftwerke ist nicht gleich Kraftwerk

Vor diesem Hintergrund ist die neueste Leistungsbilanz der deutschen Stromversorger zu sehen: Deutschland ist mit gut 120.000 Megawatt (MW) Erzeugungskapazität der führende Kraftwerksstandort im europäischen Strommarkt - die Anlagen von Industrie und Privaten eingerechnet. Das ist gut ein Fünftel der Erzeugungskapazitäten in der EU. Die Stromversorger verfügten im Winter 2001/2002 über eine installierte Leistung von rund 106.000 MW. Dies ist allerdings ein rein statistischer Wert: Anlagen im Probebetrieb sind ebenso mitgezählt wie langfristig konservierte Reserve. Außerdem ist Kraftwerk nicht gleich Kraftwerk. Ein Beispiel: Wasser und Wind sind – anders als Kohle und Kernenergie – nicht immer verfügbar. Für Ausfälle und Revisionen ist ausreichend Reserve nötig.

Kältewelle in Europa: Reserven voll im Einsatz

Die Auslastung der verfügbaren Kraftwerkskapazitäten der Stromwirtschaft betrug im vergangenen Winter wieder rund 91 Prozent. Sie lag damit fast zehn Prozent über dem Vergleichswert der Industrie von 82 Prozent Auslastung. Die höchsten Anforderungen der Stromverbraucher wurden am 17. Dezember 2001 gemessen. Die Höchstlast betrug 78.200 MW. Dieser Wert kennzeichnet übrigens das Anforderungsniveau der gesamten Winterperiode. Er war 1.400 MW höher als im Vorjahr. Der Zuwachs spiegelt den Anstieg des Stromverbrauchs um knapp ein Prozent. Außerdem war es kälter – nicht nur in Deutschland, sondern gleichzeitig in sieben europäischen Ländern. Alle Reserven waren voll im Einsatz, an den Strombörsen gab es Preissprünge. Für die Höchstlast der Kundenanforderungen stand eine stundengesicherte Kraftwerksleistung von 82.900 MW zur Verfügung. Ein Importüberschuss durch Lieferungen aus dem Ausland sicherte zusätzlich die Stromversorgung mit umgerechnet 3.500 MW. In dieser stundengesicherten Leistung ist auch Reserve enthalten, die für längerfristige Kraftwerksausfälle, für Verbrauchszuwachs durch Konjunktur und Kälte vorgehalten werden muss.

Sehr geehrte Damen und Herren, die Stromversorger haben bisher mit ihren Investitionen einen ausgewogenen Energie- und Technikmix für eine zuverlässige Stromversorgung verwirklicht. Gut die Hälfte der Stromproduktion basiert auf Braun- und Steinkohle. Die Kernenergie hat einen Anteil von einem Drittel. Erdgas, Öl und sonstige Energieträger liefern zehn Prozent des Stroms. Erneuerbare Energien stellen – mit steigender Tendenz - gut sieben Prozent der Stromproduktion.

Zum 2. Teil

Investitionen in ausgewogenen Energie- und Technikmix

Die Unternehmen stehen vor weitreichenden Investitionsentscheidungen. Dazu brauchen sie klare politische Rahmenbedingungen für langfristige Planungen: Die Stromwirtschaft ist kapitalintensiv. Für Kraftwerks- und Leitungsbau müssen Investitionszeiträume von mindestens 30 Jahren kalkuliert werden. Investitionsruinen kann sich keine Branche und keine Volkswirtschaft leisten. Ab 2010 müssen ältere Kohle- und Gaskraftwerke ersetzt werden. Der politisch gewünschte Verzicht auf die Kernenergie wird weitere Investitionen für neue Kraftwerke erforderlich machen. Diese Aufgaben lassen keinen Spielraum für politische Experimente. Das gleiche gilt für die erforderlichen Investitionen in die Stromnetze. Auf absehbare Zeit braucht Deutschland die breit gefächerte Energiebasis zur Stromproduktion. Sie ist entscheidend für den Standort Deutschland. Klar ist, dass der größte Teil der Ersatz-Kraftwerke mit Kohle und Gas arbeiten wird. Die erneuerbaren Energien leisten einen wichtigen Beitrag. Sie können jedoch die für einen Industriestaat notwendigen konventionellen Kraftwerke nur sehr begrenzt ersetzen. Der wachsende Stromhandel eröffnet den Unternehmen zwar zusätzliche Möglichkeiten bei der Strombeschaffung und erhöht die Flexibilität. Der Handel ersetzt aber keine Kraftwerke. Und er erfordert ausreichende Netzkapazitäten.

Leitlinien zur Energiepolitik gemeinsam weiterentwickeln

Der VDEW wertet es als positives Signal, dass die Bundesregierung gemeinsam mit der Wirtschaft energiepolitische Eckdaten erarbeiten will. Dieses Kooperationsangebot greift die Elektrizitätswirtschaft gerne auf. Die Branche hat dafür bereits Vorarbeit geleistet mit den VDEW-Leitlinien zur Energiepolitik. Wichtigste Punkte auf der Tagesordnung für die Gespräche über die Energiezukunft sind aus Sicht der Elektrizitätswirtschaft:

(1) Abbau der Wettbewerbsverzerrungen im EU-Strommarkt. Es kommt darauf an, der Brüsseler Tendenz zu "reguliertem Wettbewerb" und zu Eingriffen in die nationale Wirtschafts- und Unternehmenspolitik entgegenzuwirken und für eine Harmonisierung der Wettbewerbsbedingungen zu sorgen – bei der Marktöffnung ebenso wie beim Umweltschutz.

(2) Verringerung der nationalen Sonderlasten für die Stromverbraucher. Die Stromrechnungen sollten nicht als Inkassoinstrument des Staates missbraucht werden.

(3) Die Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes muss die effiziente Förderung mit marktwirtschaftlichen Mitteln in den Vordergrund stellen. Es gilt der Grundsatz, das ökologisch Notwendige ökonomisch zu gestalten. Das Bundesumweltministerium hat mit seinem neuen Eckpunkte-Papier dazu einige positive Ansätze vorgelegt. Mit jedem Förder-Euro muss so viel erneuerbare Energie wie möglich gewonnen werden. Dauersubventionen behindern dagegen den technischen Fortschritt.

(4) Bei der Umwelt- und Klimaschutzpolitik kommt es darauf an, die deutschen Vorleistungen in der EU angemessen zu berücksichtigen. Die EU-Vorgaben zur Umweltpolitik muss die Bundesregierung so umsetzen, dass die Interessen des Wirtschaftsstandortes Deutschland gewahrt bleiben. So wurden bei der politischen Einigung zum Handel mit Treibhausgasen die deutschen Vorleistungen zwar teilweise anerkannt. Genauso wichtig ist jedoch, dass bei der Umsetzung das erfolgreiche Instrument der Selbstverpflichtung der deutschen Wirtschaft zur Klimavorsorge praxisgerecht mit dem geplanten Emissionshandel kombiniert wird.

Es sind noch viele Hürden zu nehmen, um Planungs- und Rechtssicherheit zu schaffen. Immerhin produziert Deutschland gut die Hälfte seines Stroms aus Kohle. Sie muss auch künftig eine entscheidende Säule der Versorgung bleiben. Das birgt Chancen für einen Innovationsschub zu mehr Energieeffizienz mit "clean-coal-technology".

Sehr geehrte Damen und Herren, die Elektrizitätswirtschaft setzt auch in Zukunft auf den Standort Deutschland. Sie verlangt Transparenz über die Rahmenbedingungen für langfristige und rentierliche Investitionen. Kurz: Deutschland braucht endlich Klarheit und damit verlässliche Leitlinien für eine vorausschauende Energiepolitik.

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