Scharfe Kritik an Landesregierung

Studie zurückgehalten: Risiken von Biblis vertuscht?

Hessens SPD und Grüne werfen der Landesregierung die Vertuschung der wahren Gefahren von Kernkraftwerken aus ideologischen Gründen vor. Die Regierung halte seit 2003 eine von ihr selbst in Auftrag gegebene Studie unter Verschluss, die enorme Risiken bei einem Flugzeugabsturz auf ein Kernkraftwerk wie Biblis sehe.

Strom sparen© Gina Sanders / Fotolia.com

Wiesbaden (ddp/red) - Dies sagten die Umweltexpertin der Grünen, Ursula Hammann, und der Atomexperte der SPD, Norbert Schmitt, am Dienstag in Wiesbaden. Ein interner Ministeriumsvermerk mache nun deutlich, wie ernst die Lage sei. SPD und Grüne forderten die Veröffentlichung der gesamten Studie. Zudem dürfe das AKW Biblis nicht wieder ans Netz gehen.

Biblis bei Flugzeugabsturz nicht sicher

Die Länder Bayern, Baden-Württemberg und Hessen hatten nach den Terroranschlägen in den USA im September 2001 im Jahr 2002 eine Studie zur Sicherheit von Atomkraftwerken gegen Flugzeugabstürze in Auftrag gegeben. Die Studie der Internationalen Länderkommission Kerntechnik (ILK) kommt offenbar zu dem Ergebnis, dass gerade ältere Atomkraftwerke wie Biblis gegen einen solchen Flugzeugabsturz nicht gesichert sind. Bekannt geworden war dies durch einen internen Vermerk des hessischen Umweltministeriums, der der ZDF-Sendung "Frontal 21" zugespielt worden war.

Nur 3 von 19 Kernkraftwerken ausreichend geschützt

Dem internen Ministeriumsvermerk von November 2002 zufolge, der der Nachrichtenagentur ddp vorliegt, sind die Stahlbetonwände älterer AKW wie Biblis "nicht in der Lage, dem Aufprall eines Flugzeuges Stand zu halten". Bei einem gezielten Flugzeugabsturz auf Biblis A oder Biblis B könne es "zu Zerstörungen an dem betroffenen Reaktorgebäude und damit zu sehr hohen Freisetzungen von Radioaktivität" kommen. Eine bauliche Ertüchtigung der Gebäude sei aber aus technischen und wirtschaftlichen Gründen nicht sinnvoll und nicht machbar. Allenfalls seien Anflughindernisse wie hohe Betonpfeiler geeignet, die Anlagen zu schützen. Insgesamt, so heißt es in dem Schreiben weiter, hätten von den 19 in der Bundesrepublik betriebenen Kernkraftwerken nur drei eine "geeignete bauliche Auslegung, die einem gezielten Flugzeugabsturz ohne gravierende Freisetzungen radioaktiver Stoffe" standhalten könnte.

Experte warnt vor Verseuchung bis Paris

Bei allen anderen sei bei einem Aufprall auf die Reaktorgebäude "mit schweren bis katastrophalen Freisetzungen" von Radioaktivität zu rechnen. In diesem Fall könnte eine Fläche von 600 Kilometern im Umkreis verseucht werden, sagte der Nukleartechnik-Experte des Öko-Instituts in Darmstadt, Christian Küppers. Je nach Windrichtung könnten Gebiete bis nach Polen oder in die Niederlande verseucht werden und auch entferntere Städte wie Paris evakuiert werden müssen.

Viele mögliche Störfälle bei AKW

Ein Terroranschlag sei zudem rechnerisch "viel wahrscheinlicher" als die Katastrophen, für die Kernkraftwerke sonst ausgelegt seien, sagte Küppers weiter. Auch sei der Reaktor nicht nur gefährdet, wenn seine Kuppel beschädigt werde. Ein Störfall könne auch eintreten, wenn durch Risse im Gebäude eintretendes Kerosin Brände auslöse oder durch ein Flugzeug die Steuerungsanlage beschädigt oder etwa Lecks an Benzinleitungen verursacht würden. Hammann sagte weiter, die jüngste Greenpeace-Aktion am AKW Unterweser zeige ja, dass eine Besetzung einer Reaktorkuppel machbar sei.

Die Gefahren so lange zu verheimlichen, sie ein "Skandal", sagte Hammann: "Wir sind stinksauer." Umweltministerin Silke Lautenschläger (CDU) müsse am Donnerstag im Umweltausschuss Stellung nehmen.

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