Strom langfristig teurer?

Stromwirtschaft vor Milliarden-Investitionen

Der VDEW hat heute in Berlin bekannt gegeben, dass die deutsche Strombranche in den kommenden 20 Jahren bis zu 40 Milliarden Euro investieren müsse. Grund: Alte Kohlekraftwerke müssen ersetzt oder modernisiert werden, Strom aus Atomkraft gilt es zu kompensieren. Die Politik müsse die richtigen Weichen stellen - und eine neue Studie soll dafür Entscheidungshilfen liefern.

Hochspannungsleitung© Gina Sanders / Fotolia.com

Um weiterhin eine umfassende Versorgungssicherheit in Sachen Strom garantieren zu können, muss die deutsche Strombranche nach Angaben des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) in diesem Jahr mit einer "Investitionsoffensive" beginnen. Da man alte Kohlekraftwerke ersetzen beziehungsweise modernisieren und die Abschaltung der Atomkraftwerke kompensieren müsse, seien in den kommenden zwei Jahrzehnten Invesitionen in der Höhe von 30 bis 40 Milliarden Euro erforderlich. "Die extreme Hitzewelle im vergangenen Sommer und die 'Blackouts' in den USA sowie Europa haben die Bedeutung der Versorgungssicherheit wieder ins Bewusstsein gerufen: Die Versorgungsqualität 'Made in Germany' ist keine Selbstverständlichkeit und nicht zum Nulltarif zu gewährleisten", sagte VDEW-Präsident Werner Brinker heute in Berlin. Verbraucher müssten sich langfristig auf höhere Strompreise gefasst machen, hieß es.

"Energiepolitik aus einem Guss erforderlich"

Die Politik, so Brinker, müsse dafür sorgen, dass die deutsche Elektrizitätswirtschaft trotz der gewaltigen Investitionsentscheidungen auf europäischer Ebene wettbewerbsfähig bleibe. Die Branche erwarte, dass die Politik das "Flickwerk von nicht aufeinander abgestimmten Einzelmaßnahmen" beende: "Der Standort Deutschland braucht endlich ein energiepolitisches Konzept aus einem Guss. Bei allen politischen Vorhaben müssen die unternehmerische Freiheit und die Investitionsfähigkeit der Stromwirtschaft gewährleistet bleiben", forderte Brinker.

Kraftwerksreserven werden knapper

Wie die heute vorgestellte Leistungsbilanz der deutschen Stromwirtschaft für den Winter 2002/2003 zeige, würden die Reserven knapper. Die Auslastung der Kraftwerkskapazitäten stieg auf 92 (2001/2002: 91) Prozent, so Brinker. Das seien fast zehn Prozentpunkte mehr als in der Industrie mit 84 (82) Prozent.

Die installierte Kraftwerksleistung betrug im vergangen Winter einschließlich der Bezüge von Industrie und Privaten 105.800 Megawatt (MW), ermittelte der Verband der Netzbetreiber beim VDEW. Dieser rein statistische Wert sage jedoch noch nichts über die unterschiedliche Verfügbarkeit der Anlagen.

"Kraftwerk ist nicht gleich Kraftwerk", betonte Brinker. Außerdem müsse Strom aus physikalischen Gründen immer im Moment des Verbrauchs erzeugt werden. "Strom kann man nicht auf Lager produzieren." Für Ausfälle und Revisionen sowie für extreme Wetterlagen und insbesondere für die anziehende Konjunktur müsse die Stromwirtschaft mit ausreichender Reserve gerüstet sein.

Der starke Zuwachs an Regenerativ-Kraftwerken erweitere zwar den Kraftwerkspark, steigere gleichzeitig aber den Reservebedarf massiv: "Für ein MW Windkraftleistung müssen beispielsweise rund 0,85 MW Reserve aus konventionellen Anlagen bereit stehen", so Brinker.

Neue Kraftwerke in Deutschland nötig

Angesichts der Veränderung des Kraftwerksparks und der anstehenden milliardenschweren Investitionen habe die Stromwirtschaft die Studie "Investitionen im liberalisierten Energiemarkt - Optionen, Marktmechanismen, Rahmenbedingungen" in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse der neuen Untersuchung lieferten Entscheidungshilfen sowohl für die Politik als auch für die Unternehmen.

Das Gutachten von Professor Wolfgang Pfaffenberger, Leiter des bremer energie institutes, Bremen, berücksichtige, dass in Deutschland die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Stromverbrauch weiter fortschreite.

"Unabhängig von der Entwicklung des Stromverbrauchs kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass bis 2020 ein Ersatzbedarf zwischen 40.000 und 50.000 MW Kraftwerksleistung zu erwarten ist", erklärte Pfaffenberger. Das sei abgeleitet aus der Altersstruktur - insbesondere der Kohle-Kraftwerke - sowie dem zeitgleichen Ersatzbedarf für Kernkraftwerke.

Markt im Stromsektor wirken lassen

Für den zukünftigen Kraftwerkspark, so die Studie, gebe es weder eine Ideallösung noch eine Wundertechnik. "Deutschland braucht einen Energiemix, der die Vor- und Nachteile einzelner Energieträger im Sinne der höchsten volkswirtschaftlichen Effektivität kombiniert", betonte Pfaffenberger. Eingriffe der Politik dürften die notwendigen Preissignale des Marktes nicht durch Festsetzen von Ober- oder Untergrenzen außer Kraft setzen. "Die Politik definiert energie- und umweltpolitische Ziele. Die Wege zu diesen Zielen muss der Marktprozess bestimmen. Die Verantwortung liegt dann bei den Unternehmen", sagte Pfaffenberger.

Investoren brauchen Klarheit

Wichtigste Forderung der Elektrizitätswirtschaft an die Energiepolitik, so VDEW-Präsident Brinker, ist eine klare Aufgabenteilung zwischen Staat und Wirtschaft: "Gerade mit Blick auf die anstehenden Investitionen im Strommarkt benötigen die Investoren eindeutige Rahmenbedingungen, die volkswirtschaftlich sinnvoll und langfristig verlässlich sind".

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