Unplugged

Stromlos in Manhattan

Das FBI ermittelt, der Kongress tagt, Händler wittern ihre Chance. Und New York blickt verwundert zurück auf den dunkelsten Tag zwischen Furcht und friedlichem Nichtstun – ein seltenes Lebensgefühl: Manhattan unplugged. Ein Bericht über den 14. August 2003 in New York. Von Viola Keeve, freie Autorin in Köln und New York.

Stromtarife© Gina Sanders / Fotolia.com

Von Viola Keeve

Ein Flackern, ein Surren im Supermarkt, dann wird es dunkel. Um 16.11 Uhr am 14. August geht in New York von einer Minute zur anderen nichts mehr. In der Stadt, die niemals schläft, niemals innehält, ist der Schalter umgelegt - ein Blackout, der alles zum Erliegen bringt: Tunnel und Brücken sind gesperrt, U-Bahnen stecken fest, Geschäfte schließen. Alle laufen in verschiedene Richtungen, Mensch an Mensch, ameisengleich, ziellos erst. Ein älterer Japaner pustet vor sich hin, geht Schritt für Schritt, in stiller Panik. Die letzten Wasserflaschen werden verkauft. Eine ältere Frau hortet Eiskrem, kühlt ihr Gesicht. Es ist der heißeste Tag in New York seit langem, unerträglich feucht, kein Windzug. Die Sonne brennt.

In nur drei Minuten sind 21 Kraftwerke im Nordosten der USA und Kanada ausgefallen, das Begreifen des Stillstands dauert länger, Stunden, Tage, Wochen später noch dreht sich jedes Gespräch um den größten Stromausfall in der amerikanischen Geschichte. Pro Stunde hat New York am "Black Thursday" 36 Millionen Dollar verloren – und ist um eine neue Katastrophe, einen Mythos reicher. Am Times Square verkaufen Händler inzwischen Fünf-Dollar-T-Shirts mit dem Aufdruck "I survived historical blackout 2003" oder "No power? No problem. Cruise on!". Im Internet florieren Blackout-Tassen, Baseballkappen, Babylätzchen, Unterhosen, sogar Verhaltenstipps, wie man sich für den nächsten Notfall anzieht oder das Badezimmer ohne Wasser nutzt. "Wir hatten einen Laptop und haben sofort losgelegt", sagt Jonathan Cornish aus Toronto. Der 25-jährige bietet auf www.blackedout2003.com Shirts wie "New York, the lightweight city" oder "Did buffalo pay their bills?" an. 500 allein hat er in den letzten 36 Stunden verkauft.

Zugleich beginnt das große Aufräumen, die Suche nach den Schuldigen. Die Anwaltskanzlei Cauley & Rudman hat inzwischen eine Sammelklage gegen den Stromkonzern FirstEnergy eingereicht, stellvertretend für jeden, der geschädigt worden ist. Der Blackout aber schafft es nicht mal in die Schadenstatistik der 20 größten Versicherungsfälle der Vereinigten Staaten, hat die Wirtschaft nur mit rund sechs Milliarden Dollar belastet. Die Terrorschäden vom 11. September haben rund 20 Milliarden Dollar gekostet. Dennoch: Amerika muss seine Energieversorgung sanieren, Europas Stromkonzerne hoffen nach der Strom-Schlappe der USA jetzt auf Riesenaufträge. Siemens und das schweizerisch-schwedische Unternehmen ABB sind in der Sparte Energietechnik weltweit die größten Dienstleister. Weil sich General Electric vor allem auf den Bau und Vertrieb von Generatoren konzentriert, haben beide Konzerne gute Chancen, bei der Aufrüstung der Verteilernetze mitzuverdienen.

Präsident Bush hat den Blackout als "Weckruf" bezeichnet, eine einmalige Chance, sein immer wieder verschobenes Energiepaket endlich durchzusetzen. Zuerst aber müssen Strom-Detektive die Fehlerquelle finden. FirstEnergy in Ohio hat bei heißem Wetter und hoher Luftfeutigkeit schon vor weiteren möglichen Blackouts gewarnt. Die Energiebehörde muss zeigen, dass sie handelt, hat eine schnelle Untersuchung versprochen. Eine genaue Analyse, wie es zu dem großflächigen Kollaps kommen konnte, der 50 Millionen von Detroit bis New York ins Dunkel schickte. Mehr als hundert Experten des FBI, der nationalen Labore und Organisationen für Energieversorgung ermitteln. Denn: "Die elektronische Stromversorgungs-Schaltstelle ist sehr wahrscheinlich unser vitalstes Stück Infrastruktur", sagte US-Energieminister Spencer Abraham. Die Untersuchung werde die Stromindustrie nicht schützen, versprach er, aber auch keine voreiligen Schlüsse ziehen.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die New Yorker ihre Gelassenheit zurückgewannen.

Drei fehlerhafte Hochspannungsleitungen im US-Staat Ohio haben den Blackout wahrscheinlich verursacht. "Wir sind ziemlich sicher, dass das Problem in Ohio begonnen hat", sagte Michehl Gent, der Leiter des North American Electric Reliability Council (NERC). Jetzt müsse geklärt werden, weshalb die Lage nicht unter Kontrolle gebracht worden sei. Ingenieure und Computerexperten stehen vor einer Sisyphus-Aufgabe: Sie sollen den gigantischen Berg von Daten aus den Kraftwerken analysieren und eine möglichst sekundengenaue Chronik der Ereignisse erstellen. Sie setzen dabei auf Ermittlungstechniken, die auch nach Flugzeugabstürzen benutzt werden. "Wir werden uns jede Sekunde ansehen, um festzustellen, wie diese Schockwelle über uns hereinbrach und warum wir sie nicht stoppen konnten", sagt Stephen Allen, der Sprecher des Northeast Power Coordinating Council. "Innerhalb von sieben bis zehn Tagen wird uns eine sehr genaue Chronik vorliegen, fast Sekunde für Sekunde." Aufzeichnungen der Stimmenrekorder in den Kontrollräumen sollen den Ermittlern Hinweise auf mögliche Fehler der Mitarbeiter liefern.

Die Finsternis, die Ohnmacht der Supermacht, darf sich nicht wiederholen. Denn in den ersten 40 Minuten war die Situation in Manhattan keineswegs unter Kontrolle. "Wer jetzt einen Herzinfarkt bekommt, hat Pech gehabt", sagt Conor OBrian. Der 34-jährige Computerspezialist aus Brooklyn hat ein Auto gemietet auf der 96. Straß, will in sein Wochenendhaus in den Bergen, den Catskills. "Das sieht nicht gut aus, gar nicht gut", murmelt er. In der Autovermietung nimmt niemand ab. Telefone, Handys funktionieren nicht mehr, Hubschrauber und Aufklärungsflugzeuge kreisen über den Hochhäusern. Es gibt nur noch einen Weg von und nach Manhattan: die Fähre. Ein Obdachloser in Shorts sitzt auf der Stufen eines Hauses, dreht eine Zigarette und ruft dem 34-Jährigen zu: "Und was macht ein Obdachloser bei einem Blackout? Das Gleiche wie ihr – nur er dreht sich einen Joint."

Viele sitzen wie er vor ihren Häusern, um nicht allein zu sein, stehen um Autos herum, aus denen Nachrichtenfetzen dringen: "Rauch kommt aus einem Gebäude, das Stromnetz ist zusammengebrochen." Jeder denkt an den 11. September. Das Trauma, die Verwundung sitzt tief, der Wille, ihr zu trotzen, auch. Von der großen Gelassenheit, der Nachbarschaftswärme, der aufgetauten Stadt, dem Partyrausch eines frühen Feierabends kann anfangs keine Rede sein. Zu Beginn herrscht Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit.

Es ist nicht der erste große Stromausfall in New York, keine Überraschung seit dem Blackout von 1977. Und es gab genug Warnzeichen für ein marodes Stromnetz: Erst vor kurzem belegte eine Studie, dass der rapide Anstieg des Strombedarfs seit 2000 den Stromfluss im Nordosten Amerikas destabilisieren, wenn nicht gar lahm legen könnte. "Wenn es Abweichungen von der idealen Frequenz, von 60 Hertz, gibt, bedeutet das, jemand zapft zuviel ab oder nicht genug", erklärt der Verfasser der Studie, Energieberater Robert Blohm. Wenn die Frequenz in den Stromleitungen zu sehr streue, schalteten sich Stromnetze automatisch ab, aus Sicherheitsgründen - wie in New York am "Tag, als die Lichter erloschen" (Newsweek), der immerhin glimpflich endete. Nur 60 Brände gab es, durch Kerzen ausgelöst, erklärte Bürgermeister Bloomberg, einen Toten, einen verletzten Feuerwehrmann, einen kranken Polizist, aber keine Plündungen wie 1977. "Jeder war abends einfach auf der Straße, da war einfach ein Gefühl von Sicherheit", sagt Alex, ein 27-jähriger Student aus Cobble Hill - nach dem ersten Schrecken.

Lesen Sie im dritten Teil, wie "Manhattan unplugged" ein neues Lebensgefühl geworden ist.

Denn zuerst war New York nicht mehr das wohlorganisierte Zentrum der Ruhelosigkeit, in dem alles fließt, in Bewegung ist, das jeden selbstverständlich aufnimmt, der den Strom nicht stört, sondern eine gelähmte Stadt. Passanten rufen sich zu, was sie gehört haben: überhitzte Drähte, Dominoeffekt, in ganz New York State, Detroit, Cleveland, Ohio, New Jersey, Kanada. Hunderte warten auf die Manhattan Ferry an der 34. Straße. Nur wer ein Ticket hat, darf an Bord, dröhnt aus dem Lautsprecher. Nicht stehen bleiben, gegen den Strom laufen, nach Westen, überlegt sich der 34-jährige OBrian aus Brooklyn. Das funktioniert. Drei Stunden wird er an diesem Tag laufen, ohne Pause, über hundert Blocks, bis er sein Auto bekommt.

Energieberater haben immer wieder gemahnt: Es sei nicht die Frage, dass es passiert, sondern nur wann und in welchem Ausmaß. Jetzt plant Bush für September eine Anhörung im Repräsentantenhaus und will eine Kommission einsetzen, die sein geplantes neues Energie-Gesetz um wichtige Passagen erweitert. Danach sollen Stromkonzerne stärker in die Pflicht genommen werden. Wenn ihre Netze nicht verlässlich arbeiten, drohen drakonische Strafen. Problematisch ist, dass die verschiedenen Bundesstaaten seit Jahren zerstritten sind, welche Art der Energieversorgung notwendig ist. Die südlichen und westlichen Staaten etwa wollen ihren billigen Strom nicht dem stromhungrigen Nordosten überlassen. "Wir haben kein Interesse, unseren billigen Strom in andere Bundesstaaten zu exportieren", stellte Senator Larry E. Craig, ein Republikaner aus Idaho klar. "Es ist einer unserer Vorteile, an dem wir so lange gearbeitet haben." Doch George Bush macht Druck, solch eine verwundbare Infrastruktur kann sich Amerika nicht leisten. Energieminister Spencer Abraham hat schon höhere Strompreise angekündigt - eine der Hauptfolgen des Blackouts. Die Modernisierung werde mindestens 50 Milliarden Dollar kosten.

New York kam mit einem blauen Auge davon. Ein bis zwei Stunden nach dem Stromausfall findet die Stadt wieder zu sich. Viele sitzen in Cafes und Bars, trinken Wein, einige joggen, andere laufen mit Videokameras umher. Restaurants schenken Eiswasser aus, umsonst. "Ich werde in diesem Laden essen, eines Tages", sagt Conor OBrian. "Bei einer Tragödie stehen die New Yorker sofort zusammen", erklärt eine Frau in einem Klappstuhl am Straßenrand, die in Pappbechern aus einem Plastikkanister Wasser ausschenkt. Ein Bus, bis an die Frontscheibe gefüllt mit chassidischen Juden, rollt über die Amsterdam Avenue, der Verkehr fließt wieder, langsam. Einige laufen auf dem Highway, über die Brücken nach New Jersey, andere sitzen zu zehnt hinten auf einem Pickup. Eine Bäckerei in Brooklyn verschenkt Brot, Restaurants Fisch, Fleisch, alles, was verdirbt.

Williamsburger feiern spontane Blackout-Parties, rösten das Fleisch über Kohlen, wie ihre Vorfahren, trinken warmes Bier, trommeln und tanzen. Hunderte bestaunen die dunkle Stadt am anderen Ufer. "Nur die Hippies fehlen. Da passt doch Simon & Garfunkles Silence in the sun. Hello darkness, my old friend...", sagt Adrian, ein Fotograf aus Manchester. "Wo sind die denn, wenn man sie braucht?" Er hat Glück gehabt, hat in keinem Lift, keiner Subway festgesteckt, wurde von einem Autofahrer nach Brooklyn mitgenommen, hat im Hispanoviertel von Williamsburg mit einer älteren Lateinamerikanerin Champagner betrunken und auf dem Weg zum Hafen, von dem die Skyline zu sehen ist, einen Vakuumcleaner gefunden, zur Freude anderer Schaulustigen. "Hey, Manhattan unplugged", ruft einer aus der Menge, ein neues Lebensgefühl - zumindest für eine Nacht. George Bushs lobende Rede zur Lage der Nation zum "großartigen Charakter Amerikas" konnten die New Yorker erst am nächsten Abend empfangen, am Tag, als der Strom zurückkam.

Viola Keeve (36) arbeitet als freie Autorin in Köln und New York.

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