Neuer Zündstoff

Streit um Mainzer Kohlekraftwerk geht weiter

Anderthalb Wochen nach dem ersten Spatenstich geht der juristische und politische Streit um das geplante Mainzer Kohlekraftwerk unvermindert weiter. Jetzt ist eine Studie bekannt geworden, deren Inhalt für weiteren, in diesem Fall betriebswirtschaftlichen, Zündstoff gesorgt hat.

Strom sparen© Gina Sanders / Fotolia.com

Mainz (ddp/red) - In einer am Donnerstag vorgestellten Studie warnt das Hamburger Arrhenius-Institut für Energie- und Klimapolitik vor den betriebswirtschaftlichen Risiken des 1,3-Milliarden-Euro-Projekts. Das Betreiberunternehmen Kraftwerke Mainz Wiesbaden (KMW) betonte dagegen erneut die Wirtschaftlichkeit des Projekts. Ver.di-Chef Frank Bsirske stellte sich bei einem Besuch auf die Seite der Kraftwerks-Befürworter.

In der von der Gruppierung "Wirtschaftswissenschaftler gegen das Kohlekraftwerk" in Auftrag gegebenen Studie wird ausdrücklich vom Bau der Anlage abgeraten. Institutschef Helmut Groscurth sagte bei der Präsentation in Mainz, die Anlage werde vor mehrere wirtschaftliche Probleme gestellt. Erstens werde die Vielzahl der in Planung und Bau befindlichen Kraftwerke zu sinkenden Strompreisen führen und somit deren Gewinne schmälern. Zweitens werde sich mit dem wachsenden Marktanteil erneuerbarer Energien die Auslastung fossiler Kraftwerke verringern.

Neben diesen Erlösrisiken ist der Studie zufolge außerdem auf der Kostenseite damit zu rechnen, dass nach der weltweiten Wirtschaftskrise die Brennstoffpreise auch für Kohle anziehen werden. Hinzu komme der mittel- bis langfristig zu erwartende Anstieg der Preise für CO2-Emissionsrechte, wenn diese ab 2013 versteigert werden.

KMW-Sprecher Michael Theurer unterstrich dagegen, dass aus Sicht seines Unternehmens die Wirtschaftlichkeit des Kraftwerks nach wie vor gegeben sei. Gutachter hätten dies bestätigt. Die aktuelle Studie könne er nicht kommentieren, da sie der KMW nicht vorliege.

Ver.di-Chef Bsirske sagte bei einer KMW-Betriebsversammlung, für eine zuverlässige, bezahlbare Energieversorgung seien neue Kohlekraftwerke notwendig. Nach dem beschlossenen Ausstieg aus der Kernkraft werde es kurz- und mittelfristig nicht ohne Kohlestrom gehen.

Margarete Kulassa, Wirtschaftsprofessorin der Fachhochschule Mainz, nannte das Kraftwerk ein "enormes Risiko". "Ein kommunaler Investor sollte die Finger davon lassen, auch wenn es mit einem Gesichtsverlust verbunden ist", forderte sie. Zudem kritisierte sie, bei der Erlaubnis für den vorgezogenen Baubeginn des Kraftwerks durch die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd seien "wirtschaftliche Erwägungen zu kurz gekommen".

Unterdessen soll der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, laut Medienberichten im Gespräch mit Kraftwerksgegnern zugesagt haben, die Finanzierung der Anlage "persönlich" zu prüfen. Ackermann wird damit zitiert, er nehme die Sorgen der Gegner sehr ernst. Seine Bank werde keinem Projekt zustimmen, das ihrer Reputation schade.

Das Kohleheizkraftwerk soll 2013/14 in Betrieb gehen und mehr als 820 Megawatt Strom liefern. Gegen das Projekt gibt es massiven Widerstand in der Bevölkerung. Vor anderthalb Wochen hatte der Darmstädter Energierversorger HSE angekündigt, seine Vertriebstochter Entega werde keinen Strom aus dem Kraftwerk beziehen und sei aus der entsprechenden Vertragsoption ausgestiegen.

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