Stimmen zur Stilllegung von Tschernobyl: Atomenergie ist und bleibt ein Umweltverbrechen

Stromnetz Ausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com
Morgen will die ukrainische Regierung den letzten noch aktiven Reaktorblock des Atomkraftwerks Tschernobyl abschalten. Dies ruft weltweit Erleichterung hervor, denn in Tschernobyl geschah in der Nacht vom 25. zum 26. April 1986 das weltweit bisher schwerste Reaktorunglück.


Die Umweltschutzorganisation Greenpeace begrüßt die Stilllegung, warnt jedoch gleichzeitig vor einer weiteren Nutzung der Atomenergie. Greenpeace-Energieexperte Veit Bürger: "Vierzehn Jahre nach der größten Katastrophe der zivilen Atomnutzung wird die tickende Zeitbombe Tschernobyl endlich entschärft. Aber trotz dieses Desasters setzen viele Staaten noch immer auf die Atomenergie. Die Abschaltung des Unglücksreaktors sollte aller Welt klar machen: Atomenergie ist nie vollständig sicher, sie ist und bleibt ein Verbrechen an der Umwelt und sie ist ersetzbar." Die Freude der Umweltschützer würde dadurch getrübt, sich die westlichen Staaten die Stilllegung mit Krediten in Höhe von etwa 2,5 Milliarden Mark für zwei neue Atomkraftwerke in der Ukraine teuer erkauft hätten. Veit Bürger: "Anstatt die richtigen Lehren aus der Reaktorkatastrophe zu ziehen und in sichere und umweltfreundliche Energietechnik zu investieren, baut der Westen in der Ukraine neue potenzielle Tschernobyls auf."


Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und seine ukrainische Partnerorganisation Zelenyi Svit (Freunde der Erde/Friends of the Earth Ukraine) fordern anlässlich der morgigen Stilllegung von Block 3 des AKW Tschernobyl eine Energiewende in der Ukraine. Die Umweltorganisationen kritisieren, dass die Abschaltung des Katastrophenreaktors nicht als Chance genutzt wird, umfangreiche Maßnahmen zur Energieeinsparung einzuleiten sowie Gas- und Dampfkraftwerke zu bauen. Pavel Khazan, Energieexperte von Zelenyi Svit: "Das Abschalten von Tschernobyl reicht nicht, um aus der Nutzung der Atomenergie auszusteigen. Auch zukünftig soll weit über 50 Prozent der Energie in der Ukraine aus Atomkraft kommen. Der mit westlicher Hilfe ermöglichte Bau weiterer Atomkraftwerke muss sofort gestoppt werden. Der Westen muss sich endlich darauf konzentrieren, umweltfreundliche Alternativen in der Ukraine zu fördern." Renate Backhaus, atompolitische Sprecherin des BUND-Bundesvorstandes, unterstützend: "Der BUND protestiert gegen die Entscheidung der ukrainischen Regierung, die Atomkraftwerke in Chmelnizki und Rowno weiterzubauen. Die Alternative, auf umweltfreundliche Energieträger umzusteigen und das Einsparen von Energie zu forcieren, wäre angesichts der Gefahren und Probleme, die mit der Nutzung der Atomenergie zusammenhängen, eine wesentlich vernünftigere und auch wirtschaftlichere Lösung."


Der Naturschutzbund NABU erinnerte an die Opfer der Atomkatastrophe. Die Stilllegung des letzten Reaktorblocks im Atomkraftwerk Tschernobyl hätte allerdings schon im April 1986 stattfinden müssen, sagte NABU-Energieexperte Frank Musiol. Nicht nur die leidgeprüften Opfer der damaligen Katastrophe hätten viel zu lange auf diese einzig mögliche Konsequenz warten müssen. Dennoch sei es ein gewaltiger Fortschritt, dass nun zumindest die Gefahr eines weiteren Unfalls in Tschernobyl gebannt sei. In diesem Zusammenhang forderte Musiol die deutschen Stromkonzerne auf, sich nicht beim Aufbau einer neuen Atomindustrie in Osteuropa zu engagieren. "Wer dort die Infrastruktur für künftige Strom-Billigexporte mit aufbauen will, handelt ökonomisch kurzsichtig und ökologisch fahrlässig "

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