Standpunkt: EU-Kommission setzt mit der Kernenergie den falschen Schwerpunkt

Hochspannungsmasten© Günter Menzl / Fotolia.com
Zur geplanten Verabschiedung des Grünbuchs zur Versorgungssicherheit für Energie durch die Europäische Kommission in der kommenden Woche erklärt Hans-Josef Fell, forschungspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen:
Es ist zu begrüßen, dass sich die Kommission Gedanken über die Energieversorgungssicherheit macht. Die sich abzeichnenden Versorgungsengpässe müssen ernst genommen werden. Allerdings ist der Entwurf der Europäischen Kommission für ein Grünbuch zur Versorgungssicherheit in Teilen ein Rückfall in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Kommission redet unter dem Vorwand der Versorgungssicherheit in der Europäischen Union einer Renaissance der Kernenergie das Wort. Tatsächlich können aber nur Erneuerbare Energien und Energiesparen langfristig die Versorgungssicherheit in Europa garantieren. Der Entwurf sollte daher in der vorliegenden Fassung nicht verabschiedet werden.


Die Lobeshymnen auf die Kernenergie sind zum einen politisch inakzeptabel. Denn die Kommission stellt sich gegen die Mehrheit in der Bevölkerung, die die Kernenergie ablehnt, weil sie sie zurecht für hochgefährlich hält. Sie berücksichtigt auch nicht, dass fünf von acht Mitgliedstaaten der Union, die in Europa Atomkraftwerke betreiben, entweder ein Moratorium eingeführt haben oder - wie Deutschland - bereits aus der Kernenergie aussteigen. Der Grünbuch-Entwurf ist - soweit er die Kernenergie betrifft - auch fachlich falsch. Es ist absurd, der Kernenergie eine wichtige Rolle für die Versorgungssicherheit in Europa zuzusprechen. Die Reserven, die bei Kosten bis zu 80 Dollar pro Kilogramm Uran (etwa das zehnfache der heute auf dem Spotmarkt bezahlten Kosten) gewonnen werden können, reichen nach übereinstimmenden Schätzungen nicht einmal für 40 Jahre und auch das nur, wenn keine neuen Kernkraftwerke mehr gebaut werden. Hoffnungen, die Vorräte durch verschiedene Methoden zu strecken, haben sich trotz intensiver Forschung in den letzten Jahrzehnten als Wunschträume entpuppt. Die Kernfusion steht frühestens in 50 Jahren zur Verfügung. Und auch diese Zahl ist fraglich.


Mit einer zunehmenden Energieknappheit vor allem beim Erdöl und damit einhergehenden Strukturbrüchen ist aber schon in den nächsten 20 Jahren zu rechnen, wenn keine entschiedenen schnell wirkenden Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Statt weiterhin Milliardenbeträge für die Erforschung neuer Reaktortypen oder der Fusion zu vergeuden, müssen die Mittel daher in die Erforschung und Markteinführung Erneuerbarer Energien investiert werden, die heute schon europaweit zur Verfügung stehen. Das Potential Erneuerbarer Energien ist vielfach größer als der derzeitige Weltenergieverbrauch. Erneuerbare Energien verursachen auch keine Entsorgungsprobleme wie die Kernenergie. Zudem gibt es kein generationen- und länderübergreifendes Risiko wie das eines atomaren Supergaus.

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