Blick über den Zaun

Schweizer Energiemarkt: Liberalisierung schneller als gedacht?

Das Trend- und Marktforschungsinstitut trend:research hat eine aktuelle Studie zur Liberalisierung des Energiemarktes in der Schweiz erstellt. Die Analyse berücksichtigt die Bereiche Erzeugung und Netze, Produktion und Handel sowie Vertrieb und Partnering und will die wichtigsten Strategieoptionen für den (teil-)liberalisierten Markt aufzeigen.

Stromtarife© Gina Sanders / Fotolia.com

Durch die Ablehnung des Elektrizitätsmarktgesetzes (EMG) vor einem Jahr wurde in der Schweiz einer Liberalisierung des Energiemarktes vorerst eine Absage erteilt. Die gegenwärtige Arbeit an den Grundzügen einer neuen Elektrizitätswirtschaftsordnung (ELWO) würden jedoch belegen, dass die Verantwortlichen zusammen mit den Energieversorgern ihren Blick weiter nach vorne richten und nach tragfähigen Strategien für die Zeit bis zur mehrheitlich im Jahr 2007 erwarteten Marktöffnung suchen würden. Darüber hinaus müsse die Rolle der Schweiz als Energiestandort im internationalen Kontext - etwa als Transitland oder bei der Erzeugung - neu bewertet werden. Das sind die Ergebnisse der Analyse "Elektrizitätswirtschaft in der Schweiz: Auf dem Weg zur Liberalisierung", die das Trend- und Marktforschungsinstitut trend:research gemeinsam mit dem auf die Energiewirtschaft spezialisierten Beratungsunternehmen Löbbe Consulting erstellt hat.

Basierend auf einer Befragung sowohl von Elektrizitätswerken als auch von Industriebetrieben in verschiedenen Kantonen werden im Rahmen der Studie die Bereiche Erzeugung und Netze, Produktion und Handel, Vertrieb und Partnering untersucht und vor dem Hintergrund der Wettbewerbsstruktur und -entwicklung die wichtigsten Strategieoptionen für den (teil-)liberalisierten Elektrizitätsmarkt aufgezeigt.

Schweizer Verteilerwerke sehen sich gewappnet

Viele Schweizer Erzeuger, Überland- und Verteilerwerke stehen demnach heute vor der Frage, wie es weiter geht: Mit Blick auf die aktuelle Entscheidungslage zum ersten Schweizer Durchleitungsfall in Freiburg (FEW), den Stromausfall vom 28. September vergangenen Jahres in Italien sowie auf die Entwicklung einer Übergangslösung bis 2007 seitens der Expertenkommission steht die faktische Öffnung des Strommarktes wohl vor einer Beschleunigung. Vor diesem Hintergrund setzen einerseits die Energieunternehmen im Vorfeld der Elektrizitätsmarktgesetz (EMG)-Abstimmung gestartete Kostensenkungsprogramme um und optimieren interne Prozesse. Andererseits werden bereits mit Blick auf die bevorstehende Liberalisierung entwickelte Vermarktungsaktivitäten und Vertriebskooperationen überprüft. Die Unternehmen müssen sich neu orientieren, heißt es.

Die Schweizer Energieversorger sehen nach eigener Einschätzung in den Bereichen neue Geschäftsfelder, Netze, Erzeugung, Vertrieb sowie im Handel unterschiedlich großen Handlungsdruck. Entsprechend bereiten sie sich fokussiert auf ihre jeweiligen individuellen Bedürfnisse und Ausgangssituationen auf die Liberalisierung vor.

Neben den betriebsinternen Vorbereitungen (45 Prozent) spielt bei der Vorbereitung auf die Liberalisierung auch das Thema Kooperationen für fast die Hälfte der Energieversorger eine wichtige Rolle. Aus Sicht einiger befragten EVU (ca. 20 Prozent) werden insgesamt Kooperationen und Fusionen unvermeidlich sein, ein weiteres Viertel betont die Notwendigkeit von Kooperationen vor allem im Bereich Energieeinkauf - sagt aber auch, dass die Vertriebsabteilungen der Unternehmen eigenständig bleiben sollen.

Die wichtigste Kundengruppe reagiert bereits

Nach der EMG-Ablehnung steigen die Industriepreise für Strom wieder an - ob dies von Dauer sein wird, ist mit Blick auf die o.g. positive Durchleitungsentscheidung und die generelle Marktentwicklung fraglich. Auch unabhängig davon führt dies vor allem seitens der industriellen Großkunden zu Reaktionen: Zwar geben rund ein Drittel der befragten Industrieunternehmen an, vorerst abwartend den Markt beobachten und sich informieren zu wollen. Für viele dieser Befragten steht aber auch fest, dass sie Einkaufskooperationen bilden (wollen oder bereits gebildet haben), um ihre Verhandlungsposition durch ein Pooling gegenüber den Stromversorgern zu stärken.

Wichtig in diesem Zusammenhang: Die (Schweizer) Industriebetriebe beziehen vor dem Hintergrund günstigerer Konditionen zu annähernd 60 Prozent Strom von größeren überregionalen Anbietern. Die Großbetriebe sind zudem mehrheitlich (in über 40 Prozent der Fälle) durch Verträge mit relativ kurzen Laufzeiten zwischen zwei und fünf Jahren an ihre Lieferanten gebunden. Diese für die Industrie vorteilhafteren Konditionen (kürzere Laufzeiten und niedrigere Preise im Vergleich zu anderen Kundengruppen) wurden bereits in der EMG-Vorphase vereinbart. Derzeit sind die Energieversorgungsunternehmen aber bestrebt, ihre Spielräume für Preissteigerungen so weit wie möglich auszuschöpfen, so dass die Industrieunternehmen mit ihrer Situation zunehmend unzufriedener werden.

Insgesamt geben lediglich 24 Prozent der Industrieunternehmen an, auch unter Berücksichtigung der gesetzlichen Freigabe keinen Lieferantenwechsel zu planen, 35 Prozent signalisieren Bereitschaft zum Wechseln und 41 Prozent sagen, dass sie "vorerst" (durch Vertragsbindung bzw. rechtliche Vorgaben) keine Möglichkeit für einen Wechsel sehen.

Neue Strategien als Reaktion auf den Wandel

Diese kurze Situationsbeschreibung, die grundlegende aktuelle Entwicklungen auf dem Schweizer Elektrizitätsmarkt zusammenfasst, gibt die momentane Einschätzung der dortigen Marktteilnehmer wieder und wird von ihnen als strategische Herausforderungen begriffen. Denn eine im Verhältnis zum geplanten Zeitrahmen beschleunigte Öffnung von (Teil-) Märkten scheint mehr als wahrscheinlich und erhöht den Handlungsdruck der Unternehmen.

Überland- und Verteilerwerke sowie Erzeuger müssen sich nun vorbereiten, damit sie adäquate Strategien für verschiedene Öffnungsgrade des Marktes zu den Zeitpunkten der Marktöffnung schnell umsetzen können. Die Vorbereitungen dafür können jetzt mit Hilfe von Marktanalysen getroffen werden.

Die trend:research-Studie "Elektrizitätswirtschaft in der Schweiz: Auf dem Weg zur Liberalisierung" liefert vor dem Hintergrund einer detaillierten Marktbeschreibung für alle Interessenten am Schweizer Energiemarkt Ansätze, um sich im Wettbewerb zu positionieren und dortige Privat- und Geschäftskunden zu binden. Darüber hinaus öffnet sie ausländischen Unternehmen den Blick auf den zunehmend interessanten Elektrizitätsmarkt. Weitere Einblicke in die Marktenwicklung und die daraus ableitbaren Strategieoptionen gibt die Analyse, die 12 Kapitel auf 491 Seiten umfasst und zu einem Preis von 3200 Euro bei trend:research bezogen werden kann.

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