Rückkauf des Tafelsilbers

Renaissance der Stadtwerke: Reaktionen auf Thüga-Deal

Immer mehr Kommunen setzen wieder auf eigene Energieversorger und kaufen deren Anteile von den Großen der Branche wieder zurück. Auf den am Mittwoch verkündeten Deal zwischen der Thüga-Gruppe und E.ON gibt es fast nur positive Reaktionen.

Energieversorung© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin/Schönau (afp/red) - Jahrelang kauften die großen Energiekonzerne sich bei deutschen Stadtwerken ein. Stadt für Stadt gab Strom- und Gasversorgung aus der Hand. Viele aber bereuen dies heute - und ziehen Konsequenzen. So gibt es immer mehr Kommunen, die wieder eigene Stadtwerke gründen oder die Versorger von den großen Konzernen zurückkaufen. Der spektakulärste Deal wurde am Mittwoch verkündet: Eine Gruppe von rund 50 deutschen Stadtwerken zahlt dem E.ON-Konzern gut drei Milliarden Euro und bekommt dafür die Thüga-Gruppe, das größte Netzwerk von Regionalversorgern mit rund 3,5 Millionen Stromkunden.

"Das wäre vor ein paar Jahren undenkbar gewesen", sagt Theo Kitz, Energieanalyst der Bank Merck Fink. Nun aber gerieten die Konzerne wegen ihrer mächtigen Position ins Visier der Kartellbehörden. "Das spielt den Kommunen in die Hände." Andere Kommunen gründen wieder eigene Stadtwerke. Hamburg startete im Mai den eigenen Versorger Hamburg Energie. Sieben Gemeinden am Bodensee gründeten den staatlichen Stromversorger Bodensee Regionalwerk. Mülheim, Paderborn und andere Kommunen haben Stadtwerke gegründet oder planen dies.

Nach der Liberalisierung des Strommarkts im Jahr 1998 waren hunderte Stadtwerke in Deutschland nach und nach an die großen Energiekonzerne gefallen. Der Grund war oft schlicht, dass die Kommunen Geld brauchten. "Da wurde in vielen Fällen in einer schwierigen Situation das Tafelsilber verscherbelt", sagt Energieexperte Uwe Leprich von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken. Einen anderen Grund gab es auch laut Hansjürgen Bals, Kommunalwissenschaftler an der Universität Potsdam, nicht. "Strom, Gas und Wasser hatten den Kommunen immer Gewinne gebracht."

Unter dem Stichwort "Rekommunalisierung" entsteht derzeit zugleich etwas Neues. "Wir gehen nicht zurück zu den alten Zeiten, die Stadtwerke stehen heute viel mehr im Wettbewerb", sagt Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU). "Man kann eher von einer Renaissance der Stadtwerke sprechen". Laut Energieexperte Leprich kommen viele Kommunen heute allein nicht weiter. "Der Trend geht zu größeren Kooperationen und Netzwerken".

Die große Mehrheit der Deutschen jedenfalls bekommt Strom, Gas oder Wasser lieber von einem Stadtwerk als von einem privaten Energiekonzern. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts Dimap für den VKU hervor. In Leipzig und Quedlinburg scheiterte der Verkauf von Stadtwerken, weil sich die Bürger in Volksabstimmungen mit großer Mehrheit dagegen sperrten.

Kommunalwissenschaftler Bals hält es für Kommunen grundsätzlich für sinnvoll, in der Energieversorgung aktiv zu sein. Mit den Gewinnen seien seit jeher klassische Verlustgeschäfte wie öffentlicher Nahverkehr oder Schwimmbäder subventioniert worden. Eine andere Hoffnung vieler Menschen erfüllen die meisten kommunalen Versorger dagegen nicht. "Die Preise bei den Stadtwerken sind in etwa genauso hoch wie bei den großen Konzernen", sagt Energieexperte Leprich. Dies könne sich nur ändern, wenn es mehr Wettbewerb bei der Stromerzeugung gebe.

Eine weitere Erwartung wird zumindest manchmal erfüllt - dass Stadtwerke sich in der Region für umweltfreundlichen Strom einsetzen. Hier komme es auf das Management an, sagt Energieexperte Leprich. Oft geschehe in dieser Hinsicht nichts. Vorbildliche Stadtwerke wie jene Schwäbisch-Hall wiederum produzierten einen großen Teil ihres Stroms aus - oft erneuerbaren - Quellen der Region.

Auch die Genossenschaft "Energie in Bürgerhand" gratulierte den Konsortien zum bevorstehenden Erwerb der Thüga. "Wir begrüßen die Grundsatzentscheidung von e-on, die Thüga an die kommunalen Konsortien Kom9 und Integra zu verkaufen" so Michael Sladek, Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft. Damit besteht die Gelegenheit, dass sich im weiteren Verlauf Bürgerinnen und Bürger über die Genossenschaft an der Thüga beteiligen können. "Energie in Bürgerhand" sammelt seit Mai 2009 Gelder für eine bürgerschaftliche Beteiligung an der Thüga.

Ebenso wie am Mittwoch bereits VKU-Präsident Stephan Weil begrüßte auch Gudrun Kopp, energiepolitische Sprecherin der FDP, den Verkauf der Thüga AG an den Zusammenschluss kommunaler Energieversorger als "ein klares Zeichen für eine Stärkung des Wettbewerbs". Die Thüga-Gruppe werde als einer der größten Energieversorger auf dem Markt ein starkes Gegengewicht zu den vier dominierenden Energiekonzernen bilden. Kopp zeigte sich sicher, dass der Verkauf zur Stärkung des Wettbewerbs auf dem Strom- und Gasmarkt erheblich beitragen wird.

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