Umbrüche

Liberalisierung der Strom- und Gasmärkte: RWI zieht Bilanz

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung hat eine Bilanz gezogen: Während sich die Liberalisierung des Strommarktes auf die Preise für Industriekunden positiv ausgewirkt habe, seien Privatkunden derzeit wieder von Preissteigerungen betroffen. Zudem hätte sich der Markt auf RWE und E.ON konzentriert.

Energieversorung© Gina Sanders / Fotolia.com

Seit mehr als drei Jahren gilt in Deutschland das neue Energiewirtschaftsrecht: Gravierende Umbrüche althergebrachter Unternehmensstrukturen haben das Bild dieser Jahre ebenso geprägt wie das Entstehen vollständig neuer Marktstrukturen. Die Strompreise bilden sich nicht mehr nach den Kosten der Versorgung, sondern nach Angebot und Nachfrage – ein bis dahin weitgehend unbekannter Mechanismus. Anlass genug für eine erste Bilanz durch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in den RWI-Papieren Nummer 73.

Wichtigste Erkenntnis: Für die industriellen Stromverbraucher sind die Erwartungen sicherlich in Erfüllung gegangen: Ihre Strompreise seien trotz Stromsteuer in den letzten beiden Jahren um mehr als 25 Prozent gesunken. Auch in der Landwirtschaft und im Gewerbe hätten die Senkungen die Zusatzbelastungen durch die Stromsteuer mehr als kompensiert. Anders hingegen die Bilanz für die privaten Haushalte: Bis Ende des letzten Jahres lagen die Strompreise mit 24,15 Pfennig pro Kilowattstunde noch auf dem Niveau vor Beginn der wettbewerblichen Öffnung, seit Mitte dieses Jahres liegen sie um 1,5 Pfennig pro Kilowattstunde über dem Niveau von 1998. Auf dem Gasmarkt seien ähnliche Preiswirkungen bislang ausgeblieben, es sei eher das Gegenteil der Fall: Seit Beginn des Jahres 1999 sind die Preise für alle Verbrauchergruppen deutlich angestiegen und liegen je nach Anpassungsklauseln in den Gasbezugsverträgen um bis zu 60 Prozent über denen zu Beginn des Jahres 1999.

Der Preisrückgang auf dem Strommarkt habe demnach die Produktionskosten in der gewerblichen Wirtschaft deutlich verringert. Diese Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit setzte positive makroökonomische Impulse frei: das BIP hat sich allein durch diese Kostensenkungen etwa um 0,14 Prozent pro Jahr erhöht, der Arbeitsmarkt wurde trotz Freisetzungen in der Elektrizitäts- und Gasversorgung von etwa 40 000 Personen per saldo um etwa 20 000 zusätzliche Arbeitsplätze entlastet, so das RWI.

Während 1997 die beiden größten Unternehmen (RWE und PreussenElektra) weniger als die Hälfte (45,5 Prozent) der Abgabe von Regional- und Kommunalversorgern kontrollierten, waren dies Mitte des Jahres 2000 durch RWE und E.ON knapp drei Viertel (73,1 Prozent). Neben eigenen Neuerwerbungen oder Kapitalaufstockungen dürften hierfür auch die über die Contigas und die Thüga hinzugewonnen, indirekten Beteiligungen verantwortlich sein. Diese marktbeherrschende Stellung von RWE und E.ON wird sich nach Einschätzung des RWI im nationalen Rahmen, etwa durch einen Zusammenschluss von VEAG, HEW und BEWAG, nicht mehr korrigieren lassen. Denn die mittelbare Abgabe dieser drei Unternehmen erreiche mit 7,5 Terawattstunden nur einen Bruchteil der Summe, die RWE und E.ON mit 170,7 Terawattstunden auf sich vereinigen.

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