Auflagen missachtet

Krümmel-Störfall: Weitere Erkenntnisse und Reaktionen

Die Aufklärung des jüngsten Störfalls in Krümmel gestaltet sich voraussichtlich schwierig. Eigentlich hätte Vattenfall den Meiler mit einer Art Blackbox überwachen müssen - doch die Anlage war wohl ausgeschaltet. Indes sieht es so aus, als sei Krümmel nur knapp einem ähnlich folgenschweren Trafobrand wie 2007 entgangen.

Stromnetz Ausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Berlin (ddp/red) - Eine entsprechende Anlage zur Aufzeichnung aller Gespräche und Stimmen in der Leitwarte des Kraftwerks war nach einem Bericht der Tageszeitung "Die Welt" (Montagsausgabe) ausgeschaltet. Am Samstagmittag war der zweite, zum Pannentrafo von 2007 baugleiche Transformator des Kraftwerks ebenfalls durch einen Kurzschluss ausgefallen. Daraufhin war das Kraftwerk automatisch vom Netz getrennt worden. Die Aufzeichnungen in der "Blackbox" hätten Aufschluss über den Grund der Panne bringen können.

Das schleswig-holsteinische Sozialministerium hatte zwar am 19. Juni als zuständige Aufsichtsbehörde "kontinuierliche Audioaufzeichnungen auf der Hauptwarte" des Kernkraftwerks Krümmel angeordnet. Die Mikrofonanlage - in etwa vergleichbar mit dem Flugschreiber (Blackbox) im Cockpit eines Flugzeugs - sollte aus Sicht des Ministeriums "belastbare, schnellere und vereinfachte Aufklärung von Ereignisabläufen" bringen.

Die Audioaufzeichnungen wurden laut Zeitungsbericht dem Krümmel-Betreiber Vattenfall Europe zur Auflage gemacht, bevor das Atomkraftwerk wieder angefahren werden dürfe. "Da die Betreiberin zu einer freiwilligen Einführung nicht bereit war, wurde mit Bescheid vom 25. Februar 2009 eine entsprechende nachträgliche Auflage erlassen", heißt es in einem Statement des Aufsicht führenden Landesministeriums in Kiel.

Vattenfall habe allerdings gegen die Audioaufzeichnungen eine Klage beim Oberverwaltungsgericht Schleswig eingereicht. Die Klage ist dort derzeit noch anhängig. Die Mikrofonanlage, mit deren Installation Vattenfall begonnen hatte, sei deshalb am vergangenen Samstag noch nicht in Betrieb gewesen. Das hätten auf Nachfrage Mitarbeiter von Vattenfall Europe ebenso wie das Aufsicht führende Ministerium in Kiel bestätigt.

Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) veranlasste eine erneute Zuverlässigkeits-Prüfung des Betreibers. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) kündigte an, "dass ein Wiederanfahren des Reaktors Krümmel nur nach vorheriger Zustimmung der Bundesaufsicht erfolgen wird". Umweltverbände und mehrere Politiker fordern eine sofortige Stilllegung der Anlage östlich Hamburgs.

Der jüngste Störfall ist nach ersten Erkenntnissen der Trauernicht unterstehenden Atomaufsicht vergleichbar mit dem Brand eines baugleichen Transformators am 28. Juni 2007. Die Ministerin betonte, "die Alterung der Transformatoren in Krümmel stellt sich immer deutlicher als Problem heraus". Inwieweit der Trafo am Samstag beschädigt wurde, müssten in den kommenden Tagen Untersuchungen auch im Inneren zeigen. Trauernicht fügte hinzu: "Die Folgen dieses Störfalls sind weitreichend. Für mich heißt das in letzter Konsequenz: Erneuern statt reparieren."

Trauernicht erneuerte zugleich ihre Kritik an der Informationspolitik von Vattenfall. Ihr sei "völlig unverständlich", warum es am Samstag nicht möglich war, binnen 40 Minuten auf dem fest vereinbarten und vorgeschriebenen Weg eine kurze Erstinformation über den Störfall zu geben. Der Atomexperte der Umweltorganisation Greenpeace, Heinz Smital, sagte, ein Atomkraftwerk, das erschreckenderweise trotz Prüfung defekt sei, dürfe nicht wieder in Betrieb gehen. Smital verglich Krümmel mit einem zu hoch getunten Auto. Der Siedewasserreaktor sei ein "Billigkonstrukt aus den 60er Jahren".

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