Atommüll-Lagerung

Konzerne drückten Sicherheitsstandards in der Asse (Upd.)

Bei der Einlagerung von Atommüll in das niedersächsische Bergwerk Asse haben die Energiekonzerne den Betreiber offenbar erfolgreich zu einer Senkung der Sicherheitsstandards gedrängt. Umweltschützer kritisieren die "Allianz von Politik und Atomkonzernen" scharf.

Strompreise© Andre Bonn / Fotolia.com

Wolfenbüttel (ddp/red) - "Angelieferte Fässer durften ab Dezember 1975 fünfmal mehr Radioaktivität enthalten als ursprünglich vorgesehen", berichtete die Umweltschutzorganisation Greenpeace am Mittwoch unter Berufung auf einen Schriftwechsel zwischen Stromkonzernen, dem damaligen Asse-Betreiber Gesellschaft für Strahlen und Umweltforschung (GSF, heute Helmholtz Zentrum München) und dem Bundesinnenministerium.

Energiekonzerne übten offenbar Druck aus

Danach stellten die Atomkraftwerksbetreiber im Dezember 1974 den Antrag, "die Fassaktivitäten in den vorläufigen Einlagerungsbedingungen für schwachaktive Abfälle um mindestens den Faktor 5 zu erhöhen". Dies sei ein "entscheidender Schritt zur Klärung der Abfallsituation bei den Leichtwasserreaktoren". Der Energiekonzern RWE erklärte einen Monat später: "Wir erlauben uns darauf hinzuweisen, dass die Dringlichkeit des Problems eine baldige Lösung erforderlich macht."

Die Kernkraftwerk Philippsburg GmbH schrieb im Februar 1975, die Einlagerungsbedingungen in der Asse seien so, "dass eine Ablieferung radioaktiver Rückstände (...) mit wirtschaftlich vertretbaren Mitteln nicht möglich ist." Im Dezember 1975 erließ die von der Bundesregierung mit der Leitung der Asse beauftragte GSF neue "Bedingungen für die Lagerung von schwachradioaktiven Abfällen". "In Ausnahmefällen" wurde eine um das Fünffache höhere Radioaktivität der Atommüllfässer erlaubt.

Sicherheit der Bevölkerung aufs Spiel gesetzt

"Es gab eine heimliche Allianz zwischen der Politik und den Atomkonzernen", sagte Smital. "Die Atomindustrie hatte ein Entsorgungsproblem. Um es zu lösen, wurde die Sicherheit der Bevölkerung aufs Spiel gesetzt. Die Energiekonzerne handelten getrieben von Profitgier, und die Politik hat sie dabei unterstützt", erklärte der Umweltschützer.

"Das vorgebliche Forschungsbergwerk Asse diente den Atomkonzernen zur Billigentsorgung", erklärte der niedersächsische SPD-Landtagsabgeordnete Detlef Tanke. "Dass der damalige Asse-Betreiber und offenbar die Politik den Profitinteressen der Atomindustrie Vorrang vor Sicherheitsaspekten gegeben haben, ist ein ungeheuerlicher Skandal." Niedersachsens Grünen-Fraktionschef Stefan Wenzel forderte eine "klare Trennung zwischen staatlicher Verantwortung und Atomwirtschaft". Die Rolle des Ex-Asse-Betreibers GSF/Helmholtz-Zentrum werde "immer obskurer".

BfS rechnet mit weiteren "Überraschungen"

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), seit Jahresbeginn Asse-Betreiber, hatte nach eigener Darstellung bislang keine Kenntnis von den Dokumenten. "Wir sind dabei, die Akten zu sichten und auszuwerten", sagte BfS-Sprecher Werner Nording. "Dabei gehen wir auch der aktuellen Meldung nach. Wir müssen weiter mit Überraschungen rechnen."

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