Kommentar und Hintergründe zur abos-Übernahme: Auf Wiedersehen, marktgerechte Strompreise!

Stromtarife© Gina Sanders / Fotolia.com
Der Norden Deutschlands scheint - zumindest was die Energiebranche angeht - kein gutes Pflaster zu sein. Innerhalb kürzester Zeit muss der vergleichsweise junge liberalisierte Strommarkt die dritte Erschütterung einstecken - und wieder spielt sie sich in Hamburg ab (das strom magazin berichtete bereits gestern über die Übernahme der abos energie AG durch die DSA Deutsche Strom AG, bitte lesen Sie hier) .


Was zu Beginn dieser Woche öffentlich wurde, war innerhalb der Branche schon längst kein Geheimnis mehr: Die abos energie AG und ihr betriebsamer Vorstand Ralf Breitenfeldt waren in finanziellen Schwierigkeiten. Noch Ende letzter Woche sprach Breitenfeldt, vom strom magazin nach dem Wahrheitsgehalt derlei Branchengemunkel befragt, allerdings von drei Optionen. Eine davon war die Beteiligung eines internationalen Energieversorgers. Diese scheint sich allerdings zerschlagen zu haben, denn nach einem Verhandlungsmarathon war noch Montagnacht die Übernahme von 100 Prozent der abos Anteile durch den Konkurrenten DSA Deutsche Strom AG, wie abos ebenfalls in der Hansestadt ansässig, bekannt gegeben worden.


Dass Breitenfeldt den Rettungsring mit Aufschrift "DSA" tatsächlich gefangen hat, ist nahezu überlebenswichtig für den deutschen Strommarkt. Eine weitere Pleite à la Zeus oder der Bremer Vossnet wird der Markt vermutlich nicht verkraften, da die Stromkunden ihr Vertrauen in Strom-Newcomer endgültig verlieren würden. So ist die Belieferung der abos-Kunden mit Strom gesichert und wird bis März/April auch zu den vertraglich vereinbarten Konditionen fortgeführt. Was danach passiert steht noch nicht fest. Doch Klaus Aundrup, der zusammen mit DSA-Chef Jens Schack die Verhandlungen führte, zeichnet im Gespräch mit dem strom magazin ein kundenfreundliches Szenario: "Natürlich sind wir daran interessiert, die Kunden zu halten. Deshalb werden wir sorgfältig überlegen, wie sowohl die Firmen als auch die Tarife zum Vorteil der Kunden verschmolzen werden können."


Ralf Breitenfeldt ist froh, den "Gau" vermieden zu haben. Im Telefongespräch mit dem strom magazin zeigt er mehrere Gründe für den Misserfolg auf. Da gibt es zum einem die mangelnde Regulierung des Strommarktes. Auch abos ist von der Blockade-Haltung der ehemaligen Monopolisten und dem mangelnden Interesse der Politik betroffen, das Kapital hätte einfach nicht für einen längeren Atem gereicht. Hinzu kommt nach Ansicht des ehemaligen Vorstands die schlechte Position als Stromanbieter in Hamburg, wenn es darum geht, mit Banken zu verhandeln. "Seit Zeus ist das Klima miserabel", urteilt er. Und dann gibt es da auch noch den Streit mit dem ehemaligen Stromlieferanten, der den Stromliefervertrag zu Beginn des Jahres gekündigt hat. All das zusammen hat dazu geführt, dass Ralf Breitenfeldt, selbst Hauptaktionär der abos energie AG, sein Unternehmen abgeben musste. Über den Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden, heißt es von beiden Seiten aus Hamburg.


Unerwähnt bleibt ein möglicherweise kostenintensives Management und eine schlechte Datenverarbeitung. Während Breitenfeldt sich keiner persönlichen Schuld bewusst ist, ist für Helmut Vormwald vom Wettbewerber Zweitausend Stromvertrieb klar, dass die hohen Ausgaben Ralf Breitengfeldt den Kopf gekostet haben. So seien für die Gestaltung von Formblättern Designer beauftragt, Büroräume in bester Lage und teure Hard- und Software gemietet und diverse Fimenwagen voll geleast worden. Das Geld sei, da ist sich Vormwald sicher, regelrecht vernichtet worden.


Wie auch immer, eines ist klar: Wird die Politik jetzt nicht bald aktiv, können wir von einem liberalisierten Strommarkt und damit von marktgerechten Strompreisen Abschied nehmen. Wie viele Pleiten muss es noch geben, bis die Politik merkt, wie dringend Handlungsbedarf geboten ist? Während sich die etablierten Regionalversorger vermutlich ins Fäustchen lachen, sind die Stromkunden die Geschädigten, müssen wieder tiefer in die Tasche greifen. Kann man nur hoffen, dass Bundeswirtschaftsminister Werner Müller seine (etwa zehnte?) Ankündigung in der aktuellen Ausgabe der "Woche" endlich wahr macht und eine Regulierungsbehörde schafft. Es ist fünf vor zwölf.

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