Entscheidung

Kabinett beschließt Vorrang für Erdkabel – Stromkosten steigen

Erdkabel erhalten beim Bau der geplanten Stromautobahnen den Vorrang, so ein Beschluss des Bundeskabinetts. Der Kompromiss im Trassenstreit wird allerdings teuer: Experten gehen von drei bis acht Milliarden Euro an zusätzlichen Kosten aus. Die Ausgaben finden Verbraucher auf künftigen Stromrechnungen wieder.

Stromnetz© TebNad / iStockphoto.com

Berlin (dpa/red) - Um Bürgerproteste gegen die geplanten großen Stromautobahnen zu verringern, will die Bundesregierung die Leitungen vorrangig als Erdkabel unterirdisch verlegen lassen. Auch sollen bestehende Trassen stärker genutzt werden. Das beschloss am Mittwoch das Bundeskabinett. Die Regierung kommt damit dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) entgegen.

Genaue Strecke der Stromautobahnen steht nicht fest

Seehofer hatte monatelang gegen die beiden großen Trassenprojekte "Südlink" und "Südost" gekämpft, weil der Widerstand in Bayern gegen vermeintliche "Monstertrassen" mit bis zu 75 Meter hohen Masten besonders groß ist. Wo genau "Südlink" und "Südost", die Wind- und Sonnenstrom von den Küsten in die süddeutschen Industriezentren bringen sollen, durch Deutschland verlaufen werden, steht noch nicht fest.

Gabriel erwartet Zusatzkosten von 3 bis 8 Milliarden Euro

Gabriels Experten gehen davon aus, dass die Erdverkabelung von Suedlink und Südost die Verbraucher zusätzlich drei bis acht Milliarden Euro kostet. Für einen Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden wären das bei den Netzentgelten, die jeder mit der Stromrechnung bezahlt, nur 3,40 bis 9,10 Euro pro Jahr mehr. Teuer wird es aber für die Industrie: Hier könnten die teuren Erdverkabelungen bei Unternehmen mit hohem Verbrauch mit Zusatzkosten von mehreren Hunderttausend Euro zu Buche schlagen. Umgekehrt beseitigt ein rascher Leitungsausbau Engpässe im Stromnetz. Derzeit müssen die Netzbetreiber Hunderte Millionen Euro ausgeben, um "Blackouts" zu verhindern.

Wie rechtfertigt die Regierung die teuren Erdkabel?

Gabriel argumentiert, lieber teure Leitungen unter der Erde als gar keine Leitungen. "Das führt zu mehr Akzeptanz, denn vielerorts hatten die Menschen große Bedenken gegen Freileitungen." Dort, wo Menschen in einem Radius von 200 bis 400 Meter an der Trasse wohnen, sollen künftig Gleichstrom-Freileitungen verboten sein. Masten könnten aber aufgestellt werden, wenn Erdkabel aus Naturschutzgründen nicht sinnvoll sind oder Kommunen das ablehnen.

Sollte der Kostenanstieg bei der Energiewende nicht ausgebremst werden?

Ja. Im vergangenen Jahr war die EEG-Umlage zur Förderung der erneuerbaren Energien erstmals auf 6,17 Cent pro Kilowattstunde gesunken, was Gabriel als großen Erfolg feierte. Nun könnte die Umlage 2016 den Rekordwert von etwa 6,4 Cent pro Kilowattstunde erreichen. Für eine dreiköpfige Familie mit einem Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden wären das zwar "nur" acht Euro mehr im Jahr. Gabriels Ankündigung, er wolle die Kosten zumindest stabilisieren, wackelt jedoch.

EEG-Umlage steigt wegen sinkender Börsenpreise

Die Krux ist, dass die Verbraucher mehr Umlage zahlen müssen, gerade weil die Strompreise an der Börse gesunken sind. Das liegt an der garantierten festen Vergütung über 20 Jahre, die jeder Besitzer einer Ökostrom-Anlage bislang vom Staat erhielt. Die Differenz zum Preis an der Börse gleicht die Umlage aus. Sinkt der Börsenpreis, steigt die Umlage. Bereits jetzt werden jedes Jahr bis zu 24 Milliarden Euro über die Stromrechnungen von Bürgern und Firmen gewälzt, damit Deutschland bis 2022 aus der Atomkraft aussteigen und den Ökostromanteil von heute 27 Prozent auf 40 bis 45 Prozent im Jahr 2025 ausbauen kann.

Wie groß ist das Stromnetz in Deutschland?

Es umfasst - vereinfacht gesagt - Autobahnen, Bundes-, Land- und Gemeindestraßen, über die der Strom vom Ort der Einspeisung bis zur Steckdose kommt. Nach dem Netzentwicklungsplan werden rund 5.800 zusätzliche Leitungskilometer gebraucht, davon 3.000 als aufgerüstete bestehende Trassen und 2.800 als Neubauten. Das Höchstspannungsnetz umfasst bisher rund 35.000 Kilometer. Das gesamte Stromnetz misst nach Zahlen der Bundesnetzagentur rund 1,79 Millionen Kilometer.

Quelle: DPA

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