Domino-Effekt

Italien ohne Strom: 57 Millionen Menschen von Blackout betroffen

Binnen nur sechs Wochen ist es gestern zum weltweit vierten spektakulären Stromausfall gekommen: In Italien saßen 57 Millionen Menschen im Dunklen. In Deutschland sei ein ähnliches Szenario nicht denkbar, heißt es nach wie vor - doch werden künftige Investitionen in Kraftwerke und Leitungen immer wichtiger. Auch potenzielle Terroranschläge werden bereits erörtert.

Strom sparen© Gina Sanders / Fotolia.com

Nach Nordamerika, Großbritannien und Skandinavien nun auch Italien: Am gestrigen Sonntag legte der weltweit vierte spektakuläre Stromausfall binnen von nur sechs Wochen das öffentliche Leben von Südtirol bis Sizilien lahm - lediglich auf der Insel Sardinien hatte man noch Strom. In nur wenigen Sekunden hatte der staatliche Energieversorger GRTN die Kontrolle über das italienische Stromnetz verloren - 57 Millionen Menschen saßen im Dunkeln, mussten mitunter auf der Straße übernachten, Flüge wurden gestrichen, Zug- und U-Bahn-Reisende saßen fest, vier Todesfälle wurden gezählt. Lediglich aufgrund der Tatsache, dass der Stromausfall nicht an einem Wochentag geschah, konnte ein größeres Ausmaß der Katastrophe vermieden werden. Auch in der Schweiz und in Österreich kam es zu partiellen Ausfällen. Erneut stellt sich die Frage: Wer oder was war schuld? Erneut stellt sich aber auch die Frage: Was wäre wenn...?

Italien vom europäischen Stromverbund "abgeschnitten"

Der nationale "Blackout" war heute morgen weitgehend beseitigt, am morgigen Dienstag soll das Leben wieder komplett in geordneten Bahnen verlaufen, heißt es. Die Ursache für den Stromausfall wird indes sowohl in der Schweiz wie auch in Frankreich gesucht. Im Raum Brunnen im Kanton Schwyz war in der Nacht zum Sonntag ein Baum auf eine 380-Kilovolt-Leitung des Schweizer Stromversorgers Atel gestürzt, was auch Auswirkungen auf Italien gehabt haben könnte. Zudem seien aufgrund eines Gewitters zwei wichtige Hochspannungsleitungen zwischen Italien und Frankreich unterbrochen gewesen, wodurch schließlich - Stichwort: Domino-Effekt - sämtliche Leitungen nach Italien ausgefallen seien. An sich ist ein Leitungsausfall kein Problem, offensichtlich aber hat es Koordinierungsschwierigkeiten zwischen dem französischen Netzbetreiber RTE und der italienischen GRTN gegeben. Kurzum: Italien, in Sachen Stromversorgung ohnehin stark auf das Ausland angewiesen und infolge des trockenen Sommers nicht zuletzt mit nur wenig Leistung im heimischen Netz ausgestattet, war vom europäischen Stromverbund "abgeschnitten".

Deutsches System der Gegenmaßnahmen funktionierte

Wie Johannes Altmeppen, Sprecher des drittgrößten heimischen Stromkonzerns Vattenfall Europe, der "Berliner Zeitung" sagte, habe man in der Bundesrepublik umgehend Pumpspeicherwerke in Betrieb genommen, um Strom zu verbrauchen und derart ein Überschreiten der Normalfrequenz von 50 Hertz zu verhindern. So habe man eine von Italien ausgehende Rückkoppelung verhindern können, die sich hierzulande in Form einer überhöhten Netzspannung bemerkbar gemacht hätte.

Wie Altmeppen der "Berliner Zeitung" gegenüber ausführte, sei ein ähnliches Szenario in Deutschland nicht denkbar - Kraftwerkspark und Netzmanagement seien "hervorragend geeignet", um solche Problemsituationen abzufedern. Allerdings sind auch in Deutschland die Investitionen "in die Substanz" ein Thema - nicht zuletzt infolge der Abschaltung von Kernkraftwerken müssen binnen der kommenden zehn Jahre Stromerzeugungsanlagen von insgesamt rund 40.000 MW Leistung durch neue Kraftwerke ersetzt werden.

Bedenklich stimmt jedoch ein Satz von Joachim Schneider, Energie-Vorstand im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), der gegenüber der Tageszeitung "Die Welt" ausführte, dass seit dem Beginn der Liberalisierung auch in Deutschland die Investitionen in Kraftwerke, Stromnetze sowie in die Leittechnik um 50 Prozent zurückgegangen seien.

Expertengruppen beschäftigen sich mit potenziellen Terroranschlägen

Die häufigen Stromausfälle in den vergangenen Wochen haben offensichtlich auch die deutschen Netzbetreiber beunruhigt. Zwar schließt man Vorfälle wie in den USA oder Italien nach wie vor aus, doch steht ein anderer Aspekt zunehmend im Mittelpunkt des Interesses: potenzielle Terroranschläge.

Mittlerweile hätten alle Netzbetreiber Expertengruppen eingerichtet, die sich mit den Verbindungen zwischen den verschiedenen Stromsystemen befassen, sagte Konstantin Staschus, Chef des Verbands der Netzbetreiber (VDN), der "Berliner Zeitung. Terroranschläge über das Internet hält Staschus allerdings für kaum vorstellbar, da die Steuerungscomputer der Energiewirtschaft nicht mit dem World Wide Web gekoppelt seien.

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