Atomdebatte (III)

Interviews: VIK und BEE warnen die Bundesregierung

Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) warnt vor einem Anstieg der Strompreise im Falle eines Festhaltens der Bundesregierung am bislang geplanten Atomausstieg. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) warnt dagegen vor falschen Weichenstellungen.

Stromnetz Ausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Essen (ddp/sm) - VIK-Geschäftsführer Alfred Richmann betonte in einem Interview mit der Wirtschaftsnachrichtenagentur ddp/Dow Jones, Strom aus Kernenergie könne sehr günstig hergestellt werden, weil die Anlagen vollständig abgeschrieben seien und daher am "goldenen Ende" produzierten. Er fügte hinzu: "Durch die künstliche Verkürzung der Laufzeiten wird das goldene Ende der Anlagen abgeschnitten."

Dies habe "einen unnötigen strompreiserhöhenden Einfluss in Deutschland". Richmann betonte: "Es wäre eine ungeheure Verschwendung volkswirtschaftlichen Vermögens." Strom sei in Deutschland bereits heute viel zu teuer. Wenn er durch die "politische Fehlentscheidung" zum Atomausstieg noch teurer werde, seien ausbleibende Investitionen in stromintensive Standorte das Ergebnis.

Richmann sprach von einem "sehr gefährlichen schleichenden Prozess, der über Jahre zu technisch veralteten Standorten führen wird und heute noch moderne Arbeitsplätze zugunsten anderer - ausländischer - Standorte vernichtet". Es gehe hierbei "immerhin um über 660 000 Arbeitsplätze in energieintensiven Branchen und ein Vielfaches in nachgelagerten Produktionsstufen".

Der VIK-Geschäftsführer betonte, die deutschen Kernkraftwerke gehörten "zu den sichersten in der Welt". Außerdem seien die Klimaschutzziele aus heutiger Sicht nicht ohne die Kernenergie zu verwirklichen. Richmann warnte: "Jedes vorzeitig abgeschaltete Kernkraftwerk bedeutet ein Erhebliches mehr an CO2-Emissionen aus anderen Energieträgern." Auf die Frage, ob in Deutschland auch über einen möglichen Neubau von Kernkraftwerken nachgedacht werden sollte, sagte Richmann, es wäre zunächst ein gutes Zeichen, wenn die Politik "auf die künstlich verkürzten Laufzeiten der bestehenden Kernkraftwerke verzichten würde".

Regenerative Energieträger oder Energieeinsparungen könnten den Stromwegfall nämlich nur zu einem kleinen Teil kompensieren. Richmann fügte hinzu: "Hier werden fossile Energieträger wie Kohle und Erdgas im Wesentlichen die Ersatzenergieträger sein, mit entsprechenden zusätzlichen CO2-Emissionen."

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) warnt dagegen die große Koalition angesichts der neuen Atomdebatte vor falschen Weichenstellungen in der Energiepolitik. Notwendig sei ein entschlossenes Engagement für den Wechsel von den endlichen zu den erneuerbaren Energieträgern, forderte Verbandsgeschäftsführer Milan Nitzschke in einem ddp-Interview. Dann sei die Lücke, die durch wegfallende konventionelle Kraftwerke entstehe, "technisch und wirtschaftlich locker zu schließen".

Nitzschke mahnte, der Energiegipfel im April müsse deutlich machen, dass die Zukunft der deutschen Energieversorgung nicht bei den Altenergien liege, sondern bei den heimischen, unendlich zur Verfügung stehenden erneuerbaren Energien. Nitzschke betonte, die Atomenergie könne die "beängstigende Abhängigkeit Deutschlands von teuren Energieimporten" nicht mindern. Das Gegenteil sei der Fall: "Bei der Atomkraft ist Deutschland zu 100 Prozent auf Importe des Brennstoffes Uran angewiesen."

Von einer Verlängerung der Restlaufzeiten von Kernkraftwerken würden nach den Worten des BEE-Geschäftsführers "allein die großen Energiekonzerne profitieren". Schon heute gäben diese die Preisvorteile im Atombereich nicht an ihre Kunden weiter. Gegenwärtig kassierten sie auf dem Strommarkt mehr als das Doppelte dessen, was sie für die Erzeugung in den Kernkraftwerken bezahlten.

Nitzschke verwies zudem darauf, dass in den vergangenen Jahren neue Arbeitsplätze in der Energiewirtschaft nur im Bereich der erneuerbaren Energien entstanden seien - "bisher 150 000 in Deutschland". Laut Atomwirtschaft seien im Bereich Kernenergie nur etwa 38 000 Arbeitnehmer beschäftigt, die auch zum Rückbau benötigt würden, wenn Kraftwerke wie geplant vom Netz gehen.

Er wandte sich auch gegen die Darstellung, die Atomkraft sei wichtig für den Klimaschutz. Er betonte: "Stromerzeugung aus Kernenergie emittiert weniger CO2 als Kohle- und Erdgasstrom - aber mehr als Strom aus erneuerbaren Energien." Ein weiterer Fehler sei es zu behaupten, Kernenergie könne Erdgas ersetzen. Über 90 Prozent des Erdgasverbrauchs in Deutschland fielen bei der Wärmeversorgung an, für die Atomkraftwerke keine Alternative böten.

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