Gefahrenpotenzial

Greenpeace: AKW durch tragbare Waffensysteme bedroht

Die deutschen Atomkraftwerke sind nach einer Studie der Umweltorganisation Greenpeace nicht nur durch gezielte Flugzeugabstürze, sondern auch durch Terroranschläge mit panzerbrechenden Waffen gefährdet. Auf Anfrage betonte das Innenministerium, die Meiler seien durchaus auch vor konventionellen Waffen geschützt.

Stromtarife© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (dapd/red) - Beim Beschuss mit sehr durchschlagskräftigen tragbaren Waffensystemen könnte es zu einer Kernschmelze und einer Verstrahlung der Umgebung binnen weniger Stunden kommen, erklärte die Organisation am Mittwoch in Berlin. Bis zu einem Drittel der Fläche Deutschlands könnte kontaminiert werden.

Das Bundesinnenministerium erklärte auf dapd-Anfrage, für Atomkraftwerke gebe es ein gestaffeltes Sicherungs- und Schutzkonzept. Dieses berücksichtige auch die Bedrohung mit konventionellen Waffen. "Auf Details kann nicht eingegangen werden, um die Wirksamkeit des Konzepts nicht zu gefährden", erklärte ein Sprecher. Erkenntnisse über Anschlagspläne lägen den Sicherheitsbehörden nicht vor. "Dies gilt somit auch für Anschlagsplanungen mit tragbaren konventionellen Waffensystemen", hieß es weiter.

Russische Lenkwaffe

Greenpeace hatte eine Studie zu einer speziellen panzerbrechenden Waffe erarbeiten lassen, der russischen Panzerabwehrlenkwaffe AT-14 Kornet-E. Sie ist den Angaben zufolge seit 1994 auf dem Markt. Mit der Waffe können von einem Stativ aus sogenannte thermobarische Gefechtsköpfe abgeschossen werden, die große Hitze und Sprengkraft entwickeln, wie Gutachterin Oda Becker sagte.

Damit seien bis zu ein Meter Stahl und bis zu drei Meter Stahlbeton zu durchschlagen. Die Betonhülle sei bei älteren deutschen Atomkraftwerken jedoch nur 60 Zentimeter bis einen Meter dick, bei neueren 1,80 bis zwei Meter. Ältere Meiler seien auch deshalb besonders gefährdet, weil Störfälle dort insgesamt schlechter beherrschbar seien, sagte Becker.

Einen "Kernschmelzeunfall" könnten Terroristen verursachen, wenn von mehreren solcher Systeme mehrere Geschosse auf einen Reaktor abgefeuert würden, fügte sie an. Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital meinte: "Es ist vollkommen außer Zweifel, dass jeder Reaktor in Deutschland sich mit Zielwaffen zerstören lässt."

Vorwürfe gegen die Regierung

Offen blieb, ob Terroristen wirklich an diese Systeme herankommen oder bereits über sie verfügen. Becker bezog sich auf Aussagen eines Waffenexperten, wonach panzerbrechende Waffen für Kriminelle zu beschaffen seien. "In der westlichen Welt wird das, was Terroristen haben, können oder wissen, dramatisch unterschätzt", zitierte Becker den Experten.

Eine ausführliche Debatte über mögliche Angriffe von Terroristen auf Atomkraftwerke hatte es bereits nach den Flugzeugangriffen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 gegeben. Gutachter hatten damals erklärt, zumindest die älteren deutschen Kernkraftwerke seien gegen den gezielten Aufprall eines Verkehrsflugzeugs nicht geschützt. Zuletzt hatte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) erklärt, die Reaktoren müssten einem Aufprall eines Airbus 320 standhalten und entsprechend nachgerüstet werden.

Greenpeace-Experte Smital kritisierte, dass Röttgen dies beim Beschluss der Regierung zur Laufzeitverlängerung nicht habe durchsetzen können. Das Risiko durch Terrorangriffe sei Bundeskriminalamt und Aufsichtsbehörden lange bekannt. "Es wird jedoch von der schwarz-gelben Bundesregierung vorsätzlich ignoriert", meinte Smital. Der Umweltverband forderte die sofortige Abschaltung älterer Meiler und einen vollständigen Atomausstieg bis 2015.

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