Hintergrund

Geologe: Gorleben war aus fachlicher Sicht nur zweite Wahl

Der Salzstock Gorleben ist nach Angaben des Geologen Gerd Lüttig in den 1970er Jahren vorrangig aus politischen Gründen zur Untersuchung als mögliches Atommüllendlager ausgewählt worden. Rein fachlich sei es als nur bedingt geeignet erschienen.

Stromnetz Ausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Celle/Gorleben (ddp/red) - Unter fachlichen Aspekten sei Gorleben nur zweite Wahl gewesen, sagte Lüttig am Freitag der Nachrichtenagentur ddp. Der emeritierte Professor war damals maßgeblich an der Suche eines Endlager-Standortes beteiligt.

Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) habe 1977 den Salzstock im Kreis Lüchow-Dannenberg als Standort benannt, um sich an der DDR zu rächen. "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten", sagte Lüttig. Morsleben liegt in Sachsen-Anhalt dicht an der Grenze zu Niedersachsen.

Durch Gespräche mit Kollegen aus der DDR hätten niedersächsische Geologen und die Landesregierung schon damals gewusst, "dass Morsleben Defekte hatte", sagte Lüttig. Der Schacht sei "technisch nicht in Ordnung" gewesen und es habe Wasserzuflüsse gegeben. "Wir befürchteten immer, und das hat Herrn Albrecht auf die Palme gebracht, dass Morsleben eines Tages absaufen würde und radioaktive Wässer in Richtung Helmstedt fließen könnten". Der Ministerpräsident habe daraufhin erklärt, "dann machen wir das auch".

Lüttig war in den 1970er Jahren Vizepräsident des niedersächsischen Landesamtes für Bodenkunde sowie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. 1972 habe er den Auftrag bekommen, die in Norddeutschland liegenden Salzstöcke auf ihre Eignung als mögliches Endlager zu untersuchen. Gemeinsam mit Kollegen habe er damals etwa 100 Salzstöcke geprüft, sagte Lüttig. Von diesen 100 seien zunächst 8, darunter auch Gorleben, in die engere Auswahl gekommen. Unter den drei schließlich zur Erkundung vorgeschlagenen Salzstöcken sei Gorleben aber nicht mehr gewesen. "Gorleben erschien uns als nur bedingt geeignet", sagte Lüttig. "Es wurde genannt, weil es ein relativ großer Salzstock ist."

Der Salzstock Gorleben wird seit 1979 auf seine Eignung als Endlager untersucht. Im Jahr 2000 wurden die Arbeiten unterbrochen, das Moratorium gilt längstens bis zum Oktober 2010.

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