Streit um Gorleben

Gabriel: Auch in Baden-Württemberg nach Endlager suchen

Die Pannen im Atommülllager Asse haben den Gegnern des Endlagerstandortes Gorleben neue Argumente geliefert, die bei dem kommenden Castortransport ins Wendland auch wieder für stärkeren Widerstand sorgen dürften. Umweltminister Gabriel will zwar an Gorleben festhalten, aber auch nach anderen möglichen Standorten suchen.

Strom sparen© Gina Sanders / Fotolia.com

Gorleben (ddp-bwb/sm) - Die Befürworter des Endlagers halten jedoch an ihrer Überzeugung fest, dass Gorleben ein geeigneter Standort ist. Union und FDP wollen nach einem Sieg bei der nächsten Bundestagswahl das Atomendlager zu Ende bauen. Genug Stoff für eine verschärfte Debatte ist reichlich vorhanden.

Gabriel: Standorte in Baden-Württemberg oder Bayern suchen

Der zuständige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will Gorleben nicht aufgeben, zusätzlich aber noch ein bis zwei weitere Standorte erkunden lassen - um dann den am besten geeigneten auszuwählen. Mögliche Standorte könnten laut Gabriel auch in Baden-Württemberg oder Bayern liegen, wo es neben in Frage kommenden Wirtsgesteinen auch besonders viele Atomkraftwerke gebe.

Davon wollen die Landesregierungen in Stuttgart und München allerdings nichts wissen. Sie verweisen darauf, dass in die Erkundung von Gorleben bereits mehr als anderthalb Milliarden Euro geflossen seien. Unterstützung haben die beiden Länder auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erfahren. Sie habe keine Lust mehr, noch mehr Geld für die Endlagersuche zu investieren, ließ die Regierungschefin kürzlich verlauten.

Die Europa-Abgeordnete der Grünen, Rebecca Harms, verlangte indes am Mittwoch, Gorleben als möglichen Standort aufzugeben. Die Erfahrungen im Bergwerk Asse seien Grund genug, die Lagerung von Atommüll in Salz auch grundsätzlich in Frage zu stellen, sagte Harms.

Endlagergegner sehen Parallelen zu Asse

Der wendländische Endlagergegner Wolfgang Ehmke sagte mit Blick auf die Skandale im Bergwerk Asse im ddp-Interview, Sicherheit müsse absoluten Vorrang vor finanziellen Erwägungen haben. Die bislang in Gorleben ausgegebene Summe hält er "für einen Witz angesichts der 30 Milliarden Euro, die die Atomstromkonzerne steuerfrei an Rücklagen für die nukleare Entsorgung angehäuft haben". Allein aus den Zinsen ließen sich Alternativen zu Gorleben erkunden.

Der Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg verweist auf weitere Parallelen zwischen Asse und Gorleben. Beide Salzstöcke seien nicht ausreichend gegen Wassereinbrüche geschützt.Die Betreiber der Asse hätten selbst bis in die jüngste Zeit die Pilotfunktion für Gorleben betont, sagte Ehmke. "Nun säuft der Prototyp ab."

Wissenschaftliche Einwände übergangen

Der Gorlebener Salzstock wird bereits seit Jahrzehnten auf seine Tauglichkeit als Endlager untersucht. Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) hatte das Dorf im Kreis Lüchow-Dannenberg 1977 als Standort für ein "Nukleares Entsorgungszentrum" (NEZ) benannt. Wissenschaftliche Einwände wurden damals übergangen. Im strukturschwachen Wendland an der Grenze zur DDR, so wohl das Kalkül, würden die Leute schon nichts gegen die Atomfabriken und erst recht nicht gegen die in Aussicht gestellten Arbeitsplätze haben.

Ein Irrtum, wie sich bald zeigte. Eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage, das Herzstück des NEZ, scheiterte am Widerstand der Lüchow-Dannenberger Bauern und Bürger. Im Gorlebener Wald entstand nur ein abgespeckter Atomkomplex. In Sichtweite des Endlagerbergwerks stehen zwei Zwischenlager für Atommüll und die Pilotkonditionierungsanlage (PKA), in der radioaktive Abfälle endlagerfertig verpackt und kaputte Castorbehälter repariert werden können.

Die Atomkraftgegner befürchten, dass jeder weitere Transport Sachzwänge schafft und ein Endlager in Gorleben wahrscheinlicher macht. "Deshalb wehren wir uns ja gegen den kommenden Castortransport", sagte Jochen Stay von der wendländischen Initiative "X-Tausendmal quer".

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