Regulierbares Glas

Fensterscheiben mit Sonnenstrom dimmen

Die Jalousie könnte bald ausgedient haben: Eine sächsische Firma hat elektronisch dimmbare Fensterscheiben entwickelt, die Licht und Wärme absorbieren, aber die Sicht komplett klar lassen. Demnächst sollen die Scheiben, die Strom brauchen, mit Sonnenenergie aufgeladen werden können.

Strompreise© Andre Bonn / Fotolia.com

Plauen (dapd/red) - Der Chemiker Dirk Jödicke ist von seinem Produkt überzeugt und prophezeit neue Wege bei der Gestaltung der Hausfassade. Er hat ein Glas entwickelt, das sich per Knopfdruck oder automatisch verdunkeln lässt, gleichzeitig bleibt dem Betrachter aus dem Gebäude heraus die Sicht ins Freie. "Bis zu 88 Prozent von Licht und Wärme werden absorbiert, die Scheiben bleiben trotzdem klar. Herkömmliche Jalousien können da nicht mehr mithalten", sagt Jödicke.

Im Winter wird umprogrammiert

Die Vorstellung vom regulierbaren Glas beschäftigt Tüftler schon seit rund 50 Jahren, Jödicke ist der Erste, der in Deutschland aus der Idee ein Produkt entwickelt hat. Seine entscheidende Neuerung: Wolframoxid und ein leitfähiges Polymer wurden in das Glas eingearbeitet, beides macht nun sogar eine Trennung von Licht und Wärme möglich. "Im Winter, wenn man die Wärme braucht, kann das Glas entsprechend programmiert werden. Das Licht bleibt draußen, die Wärme kommt rein", sagt Jödicke über den klimafreundlichen Zusatzeffekt.

Fast zwei Jahrzehnte hat er als Entwickler bei einer großen Glashütte im Rheinland getüftelt, in die Serienreife umsetzen konnte er sein Glas lange nicht. "Als das Produkt ausgereift war, ging es der Glasindustrie plötzlich nicht mehr gut. Und nach der Krise wollte man sich auf das Kerngeschäft konzentrieren", sagt er.

Mit Solarenergie und staatlicher Hilfe

Um seine Entwicklung dennoch auf den Markt zu bringen, machte sich Jödicke gemeinsam mit einem Kollegen und dem Geld privater Sponsoren im Jahr 2006 selbstständig und gründete die Firma EControl im sächsischen Plauen. Und allmählich scheint das Produkt in der Praxis Fuß zu fassen. So wurde in diesem Jahr das Dach des Bundespräsidialamts in Berlin mit dem Spezialglas ausgestattet, folgen soll ein Großauftrag von Opel für ein neues Werk in Ungarn.

"Das Geschäft kommt in diesem Jahr richtig in Fahrt", sagt Jödickes Partner und Geschäftsführer von EControl, Hartmut Wittkopf. Für das kommende Jahr solle sich der Umsatz der 25-Mann-Firma auf vier Millionen Euro verdoppeln. "Vor allem in der Architektur ist Glas nicht wegzudenken. Das ist unsere Chance", sagt Wittkopf.

Spezialglas soll mit Solarenergie autark werden

Zudem soll das Spezialglas, das derzeit etwa 500 Euro pro Quadratmeter kostet, weiterentwickelt werden. "Derzeit benötigen die Scheiben noch Strom. Mit Photovoltaik sollen sie irgendwann völlig autark werden", sagt Wittkopf.

Von ihren Scheiben überzeugt sind offenbar aber nicht nur Jödicke und Wittkopf. Die sächsische Wirtschaftsförderung unterstützte den Betrieb und schoss gut die Hälfte der insgesamt elf Millionen Euro für die Firmengründung zu.

Dimmbares Glas ist indes nichts gänzlich Neues. Seit Jahren schon kommen per Knopfdruck regulierbare Scheiben beim Flugzeugbau oder in der Automobilindustrie zum Einsatz. So versieht etwa Boeing den Passagierbereich einzelner Baureihen mit verdunkelbaren Fenstern, der Luxus-Karossenhersteller Maybach nutzt die Innovation bei der Dachverglasung seiner Fahrzeuge. Allerdings beruht der Verdunklungseffekt auf Flüssigkristallen, die das Glas trüben. "Das funktioniert ähnlich wie Milchglas. Im Unterschied dazu ist unser Glas in allen Stufen vollkommen klar", sagt Jödicke.

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