Öffentliche Debatte

Ethikkommission: Meinungen zu Atomausstieg gehen auseinander

In einer kontroversen öffentlichen Sitzung hat die von der Bundesregierung eingerichtete Ethikkommission zur Energiepolitik die Chancen und Risiken eines schnellen Atomausstiegs abgewogen. Bei den Kosten der Energiewende gehen die Meinungen stark auseinander.

Hochspannungsleitung© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (afp/red) - Die "entscheidende Frage" sei, wie schnell ein sicherer Umstieg auf erneuerbare Energien machbar sei, sagte der Vorsitzende der Kommission, der frühere Umweltminister Klaus Töpfer (CDU), bei den Beratungen am Donnerstag in Berlin. Bei der live im Fernsehen und im Internet übertragenen Sitzung kamen unter anderem Experten aus Wissenschaft, Energiebranche und Verbraucherverbänden zu Wort.

"Es gibt keine einfachen Antworten", hob Matthias Kleiner, Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), zu Beginn der Beratungen hervor, die sich unter anderem mit technischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen verschiedener Energieträger befassten. Nicht "ein Wettbewerb der Bedenken, sondern eine Vielfalt der Ideen" seien gefragt. Töpfer sagte, es gehe beim Umstieg auf erneuerbare Energien darum, die Atomenergie zu verlassen, ohne Arbeitsplätze zu gefährden und das Klima nicht zusätzlich zu belasten.

E.ON: Vorteile der Atomkraft nicht vergessen

Der Chef des Energieriesen E.ON, Johannes Teyssen, warnte in der Sitzung vor einem raschen Abschalten der deutschen Kernkraftwerke. Nur mit der Atomkraft als Brückentechnologie könne auf neue Kohle- und Gaskraftwerke oder den Import von fossiler Energie oder Atomstrom verzichtet werden, sagte Teyssen. "Die Brücke kann man nicht beliebig kürzer und schmaler machen." Die Vorteile der Atomkraft müssten im Auge behalten werden.

Der Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, Dietmar Schütz, drängte auf einen schnellen Ausbau von Wind- oder Solarenergie. Er brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass in Bayern oder nach dem Regierungswechsel in Baden-Württemberg die Windkraft im Süden Deutschlands ausgebaut werde. Der Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (DENA), Stephan Kohler, mahnte Fortschritte beim Ausbau der Stromnetze und bei der Energieeffizienz an.

CO2-Ziele ohne Atomkraft erreichbar?

Auch unter den Experten aus der Wissenschaft wurden in der Diskussion unterschiedliche Auffassungen deutlich. Mit einer schnellen Abschaltung der Atomkraftwerke werde Deutschland die selbst gesteckten Klimaziele bei der Reduzierung von CO2-Emissionen verfehlen, zeigte sich etwa der Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie, Eberhard Umbach, überzeugt.

Der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme, Eicke Weber, plädierte für einen schnellen Atomausstieg. Ein Atomunfall gefährde Millionen von Menschen, sagte er. Mit der heute verfügbaren Technik sei die Energiewende inklusive Atomausstieg auch ohne Anstieg des CO2-Ausstoßes "absolut möglich."

Kosten durch Atomausstieg wären "überschaubar"

Der Energie- und Umweltforscher Felix Matthes vom Öko-Institut sagte, der Ausstieg aus der Kernenergie verursache lediglich "überschaubare" Kosteneffekte. Der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (DIW) in Köln, Michael Hüther, warnte hingegen davor, die Auswirkungen auf den ökonomischen Standortwettbewerb zu vernachlässigen. Strompreise würden sich "verändern".

Das könnte Sie auch interessieren
  • Hochspannungsleitung

    Eingriffe in das Stromnetz verteuern Strompreis

    Eingriffe in das Stromnetz durch die Netzbetreiber werden immer häufiger notwendig. Das kommt auch dem Verbraucher teuer zu stehen, denn die sogenannten "Redispatchmaßnahmen" werden letztendlich über den Strompreis finanziert.

  • Strompreise

    Stromkosten steigen: Auch Netzgebühren werden angehoben

    Erst die EEG-Umlage – nun die Netzgebühren: Zum kommenden Jahr wird beides ansteigen. Bei den Kosten für die Stromnetze soll es Bayern am härtesten treffen. Im Schnitt steigen die Gebühren um 8 Prozent.

  • Hochspannungsleitung

    Atomausstieg bis 2017 möglich und verantwortbar

    Der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, hält die Abschaltung sämtlicher Atomkraftwerke in Deutschland in den kommenden sechs Jahren für möglich und verantwortbar. Zudem rät er Verbrauchern, ihre Marktmacht zu nutzen und zu einem Ökostromanbieter zu wechseln.

  • Stromtarife

    Bundesnetzagentur wirft Energiekonzernen Panikmache vor

    Bundesnetzagentur-Chef Matthias Kurth wirft den Energiekonzernen Panikmache vor, weil sie vor einem Zusammenbruch der Stromnetze gewarnt haben. Die Debatte über einen möglichen Blackout sei "oft oberflächlich und interessengeleitet", so Kurth. Eine Studie der Industrie ergab derweil, dass ein Atomausstieg bis Ende 2017 Strom nur knapp 1 Cent teurer machen würde.

  • Hochspannungsleitung

    Die großen Stromkonzerne liefern nur 0,5 Prozent Ökostrom

    Derzeit deckten Eon, RWE, Vattenfall und EnBW zwar 68 Prozent des erzeugten Stroms, lieferten aber nur 0,5 Prozent des Stroms aus Wind- und Sonnenkraft, teilte Greenpeace am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung einer Studie zum Ökostrom-Engagement der vier Unternehmen mit.

Top