Rückbau

Erster Reaktorschacht im KKW Lubmin zerlegt

Aus den stillgelegten ostdeutschen Kernkraftwerken Lubmin und Rheinsberg sind bislang mehr als 163 000 Tonnen Material ausgebaut worden. Davon wurden etwa 16 100 Tonnen radioaktiv strahlende Komponenten in das atomare Zwischenlager Nord in Lubmin gebracht, das damit inzwischen zu etwa 60 Prozent gefüllt ist.

Hochspannungsmasten© Günter Menzl / Fotolia.com

Lubmin (ddp-nrd/sm) - Der Rückbau der stillgelegten ostdeutschen Kernkraftwerke (KKW) in Lubmin und Rheinsberg kommt gut voran. Ein Jahr nach der Genehmigung für die fernbediente Zerlegung der hochradioaktiv verstrahlten Reaktoren haben die Experten der Energiewerke Nord GmbH (EWN) inzwischen den ersten Reaktorschacht demontiert.

Von der Außenwelt hermetisch abgeschirmt trennten Robotergreifer in einem Wasserbassin das Innenleben des 1973 in Betrieb genommenen 440-Megawatt-Reaktors in handhabbare Kleinteile. Anschließend wurden die Komponenten in Spezialbehältern verpackt und in das atomare Zwischenlager (ZLN) Lubmin transportiert.

Unterdessen füllt sich der Hochsicherheitstrakt am Greifswalder Bodden immer mehr. In der Halle 8 des topmodernen Speziallagers reihen sich bereits 49 Castorbehälter mit etwa 4000 Brennelementen aneinander. Bis Mitte kommenden Jahres sollen hier noch 13 Castoren mit den letzen rund 1100 Brennelementen russischer Herkunft deponiert werden, die jetzt noch in einem Nasslager auf dem KKW-Gelände ruhen.

Eingelagert wurde inzwischen auch das komplette Reaktordruckgefäß von Block 5. Der 220 Tonnen schwere Stahlkoloss, der seinerzeit nur wenige Tage im Probebetrieb war und vergleichsweise wenig aktiviert ist, musste nicht zerlegt werden, sondern konnte im Stück die nur wenige hundert Meter lange Strecke zum ZLN transportiert werden.

Jüngste Messprogramme am Block 1 ergaben inzwischen, dass auch die längere Zeit in Betrieb gewesenen Druckgefäße unter bestimmten Sicherheitsauflagen unzerlegt in das ZLN überführt werden können. "Wir werden daher eine Genehmigung beantragen, um die insgesamt noch fünf Druckgefäße aus Lubmin und Rheinsberg unter einer 15 Zentimeter starken Stahlabschirmung über die Straße zum Lager zu transportieren", sagte EWN-Sprecher Jürgen Broszinski.

Die veränderte Technologie bringe zwar keine größere Zeitersparnis, da zusätzliche baustatische Untersuchungen und aufwändige Genehmigungsverfahren erforderlich seien und neue Hebe- und Transporttechnik beschafft werden müsse. Durch den Wegfall vieler Einzelbehälter für Kleinkomponenten könnte jedoch der mit 3,2 Milliarden Euro veranschlagte KKW-Rückbau etwas kostengünstiger ausfallen. Mit einem geschätzten Kostenaufwand von 200 Millionen Euro pro Block werde man deutlich günstiger als im internationalen Vergleich liegen, sagt Broszinski.

Vom Know-how aus Lubmin dürften daher künftig Projekte zum Rückbau von Kernkraftanlagen in aller Welt profitieren. Der bislang weltweit größte KKW-Rückbau weckte inzwischen in zahlreichen Ländern das Interesse der Branche. "Neben westdeutschen KKW-Betreibern haben sich auch schon Expertenteams aus Russland, Japan und China bei uns umgesehen", sagt Broszinski.

Inzwischen sichern Neuaufträge schon knapp 100 der insgesamt 1214 Arbeitsplätze in der EWN. So übernahm das Unternehmen 2003 den verstrahlten Versuchsreaktor aus dem nordrhein-westfälischen Jülich, der in einem neuen Zwischenlager gesichert werden soll. Derzeit wird die Übernahme einer Wiederaufbereitungsanlage bei Karlsruhe vorbereitet. Den bislang spektakulärsten Auftrag erhielten die Lubminer aber aus Russland: Vor zwei Jahren übernahmen sie die Trägerschaft zur sicheren Entsorgung von 120 ausrangierten Atom-U-Booten der russischen Nordmeerflotte. Unter Anleitung der ostdeutschen Experten entsteht derzeit bei Murmansk ein Langzeitzwischenlager, in dem ab Frühjahr 2006 die ersten verstrahlten Reaktorsektionen deponiert werden.

Von ddp-Korrespondent Ralph Sommer

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