Prognose

Energiesicherheit wird Topthema der Außen- und Sicherheitspolitik

Der Gesamtverband des deutschen Steinkohlenbergbaus (GVSt) weist darauf hin, dass große internationale Gemeinschaften wie die EU und die NATO die strategische Bedeutung des auch künftig sicheren Zugriffs auf die wesentlichen Industrie- und Energierohstoffe betonen.

Strom sparen© Gina Sanders / Fotolia.com

Essen (red) - Nach Informationen des Gesamtverbands des deutschen Steinkohlenbergbaus (GVSt) hat die NATO für Anfang November in Prag erstmals das "NATO-Forum zur Energie-Sicherheit" einberufen. Das Forum biete eine Plattform zum Austausch zwischen der Sicherheits- und Verteidigungs-Gemeinschaft und Technologie- wie Energie-Unternehmen, um die globalen Gefahren und Herausforderungen der Stabilität der weltweiten Energie-Versorgung zu diskutieren, so der Verband. Zugleich wachse die Zahl derer, die einen politisch bewussten Verzicht auf die Nutzung heimischer Energiequellen wie die deutsche Steinkohle aufs Schärfste kritisieren.

Während die neue NRW-Landesregierung in ihrer "100-Tage-Bilanz" ihr politisches Ziel eines Rückzugs aus der Steinkohle auf ihrer Haben-Seite bilanziere, beklage Frank Umbach, Experte für Außen- und Sicherheitspolitik sowie Energiesicherheit beim Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in einem Beitrag für die "Energiewirtschaftlichen Tagesfragen" die sehr eingeschränkte politische Betrachtung der Energieträger in Deutschland. Wie schon längst in den USA, in China oder Russland müsse das Thema Energiepolitik und Versorgungssicherheit auch in Deutschland viel stärker als bisher Ziel der nationalen Außen- und Sicherheitspolitik werden.

Umbach stellte fest, oberstes Gebot einer solchen Strategie müsse die Diversifizierung der Energieträger und Bezugsquellen unter Rückgriff auf alle verfügbaren Energieträger und das Offenhalten aller energiepolitischen Handlungsoptionen sein - einschließlich der heimischen Steinkohle. Die weltweit rasant wachsende Energienachfrage - besonders im asiatisch-pazifischen Raum - sowie die damit verschärfte internationale Nachfragekonkurrenz hätten erhebliche außen- und sicherheitspolitische Auswirkungen. Daraus erwachsen "Strukturprobleme der globalen Energiesicherheit".

Die sieht Umbach mit dramatischen Folgen: Neben den - jetzt schon erkennbaren - Preissteigerungen und Preisvolatilitäten auf den Energiemärkten sieht er die Gefahr zunehmender politischer oder sogar offen ausgetragener gewalttätiger Ressourcenkonflikte, zudem innenpolitische Unruhen in Exportländern, Anfälligkeit der Lieferwege für Terrorismus und Piraterie sowie Marktbeeinträchtigungen verschiedenster Art bis hin zu physischen Unterbrechungen.

Im Hinblick auf die absehbaren Verteilungskämpfe um die wichtigsten Industrie- und Energierohstoffe komme Umbach zu dem Schluß: "Jeder Ausstieg bei einem Energieträger (wie Kernkraft und/oder Steinkohle) verstärkt die Importabhängigkeit und damit die Verwundbarkeit und Risiken für Deutschlands zukünftige Energiesicherheit...Hinsichtlich der Steinkohle muss erklärtes Ziel der Politik nicht nur der Erhalt eines unter Berücksichtigung einer gesamtwirtschaftlichen Analyse vertretbaren Steinkohlenbergbaus sein, sondern auch das Erfordernis der zukünftigen Versorgungssicherheit Deutschlands hierbei stärker als bisher Berücksichtigung finden."

Unter diesem Blickwinkel sieht der GVSt auch das oben erwähnt NATO-Forum und zitiert einen der Hauptredner, den NATO-Oberbefehlshaber in Europa General James L. Jones: "Die heutigen globalen Energie-Systeme entstanden nicht unter Aspekten der Sicherheitspolitik und sind deshalb verwundbarer denn je...Die internationale Gemeinschaft muss zusammenarbeiten, um diese Systeme zu schützen, denn Energie-Sicherheit ist der Schlüssel zur Sicherheit in den Welt-Regionen."

Auch die EU-Kommission kommt nach Informationen des GVSt in ihrem "Report on the Green Paper on Energy. Four Years of European Initiatives" u.a. zu dem Urteil, dass die geopolitische Balance durch die Folgen des 11. September 2001, die wachsende Terrorismus-Gefahr und den Irak-Krieg verschoben wurde. Hinzu gekommen sei der Rohstoffsog Chinas sowie anderer "Emerging Markets" und eine neue Ölkrise. Gleichzeitig wachse die Energie-Importabhängigkeit der EU - bis 2030 werde sie bei annähernd 70 Prozent liegen. Daher betont die zuständige Generaldirektion Transport und Energie (GD TREN) in der EU-Kommission auch die Bedeutung der Energie-Sicherheit für die europäische Außen- und Sicherheitspolitik.

Einen eigenen Abschnitt widmet sie in ihrem Grünbuch der "Erneuerung der Kohle". Sie sei zwar durch die Klimadebatte unter Druck geraten, bleibe aber ein weltweit wesentlicher Energieträger und könne und müsse auch künftig mit entsprechender "sauberer" Technologie weiter und intensiver genutzt werden. Damit - und mit der weiteren Nutzung und Offenhaltung des Zugangs heimischer Lagerstätten - könne und werde sie einen sehr nützlichen Beitrag zur Verbesserung der europäischen Energie-Versorgungssicherheit leisten.

Weiterführende Links
Das könnte Sie auch interessieren
  • Netzausbau

    Energiesektor: Mehr Geld für Atomkraft - Stillstand bei Ökostrom

    Im Energiesektor wurde global betrachtet 2015 wieder deutlich mehr in Atomkraft investiert. Auch für alte Kohlemeiler wurde viel Geld ausgegeben. Bei Öl und Gas war ein Rückgang zu beobachten, während bei den Erneuerbaren der Geldfluss unverändert blieb.

  • Tagebau

    Stiftung: Ohne Subventionen wäre Kohlestrom viel teurer

    Einer Studie zufolge erhält die Kohleindustrie etwa zehn Milliarden Euro jährlich aus Steuergeldern. Nur die Atomindustrie werde in der EU noch stärker gefördert, so die Heinrich-Böll-Stiftung. Ohne die Zuwendungen wäre der Strom aus Kohlekraft deutlich teurer.

  • Hochspannungsleitung

    Schweiz und EU streben ein bilaterales Abkommen im Strombereich an

    Der Schweizer Bundesrat Moritz Leuenberger und Andris Piebalgs, EU-Kommissar für Energie, haben ihre gemeinsame Absicht bekräftigt, ein bilaterales Abkommen über Stromtransite, gegenseitigen Marktzugang sowie die Anerkennung der Herkunftsnachweise für Strom aus erneuerbaren Energiequellen auszuhandeln.

  • Stromtarife

    Importkosten für Steinkohle aus Übersee gestiegen

    Die in Deutschland vor allem zur Stromerzeugung genutzte Steinkohle aus Übersee ist deutlich teurer geworden. Der Preis je Tonne Steinkohle aus Ländern außerhalb der EU sei im zweiten Quartal um knapp ein Viertel gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit.

  • Stromtarife

    Wahl 2005: Das wollen die Parteien in der Energiepolitik

    Zur Wahl am kommenden Sonntag hat das strom magazin die zentralen Thesen der großen Parteien CDU/CSU, SPD, FDP, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke.PDS zusammengefasst. Jetzt heißt es: Informieren, abwägen, Kreuzchen machen. Wer nicht zur Wahl geht, vergibt die einzige Möglichkeit mitzubestimmen.

Top