Kommentar

Energiemix auf dem Prüfstand

In den kommenden Jahren müssen die deutschen Kraftwerksbetreiber ihren Anlagenpark modernisieren. Alte Kohleanlagen und AKWs werden abgeschaltet. Anlagen zur Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien und effiziente GuD-Kraftwerke werden neu gebaut. Wichtig für die Branche: Ein breiter Mix.

Strom sparen© Gina Sanders / Fotolia.com

Düsseldorf (ddp/sm) - Für die deutschen Energiekonzerne läuft bereits die Zeit. Ab 2010 muss im großen Stil in neue Kraftwerke investiert werden. Veraltete Anlagen müssen in den darauf folgenden Jahren vom Netz und Atomkraftwerke stillgelegt werden. Experten gehen davon aus, dass die Versorger bis 2020 knapp 40 000 Megawatt konventioneller Kraftwerksleistung in Deutschland ersetzen müssen, fast die Hälfte der heutigen Erzeugungskapazitäten. Erneuerbare Energien können diese Lücken längst nicht füllen. Ob die Kernkraft deshalb aber noch einmal eine Renaissance erlebt, ist zumindest zweifelhaft.

Weichen für die viele Milliarden Euro teuren Kraftwerksneubauten werden bereits in den kommenden Monaten gestellt. So geht die Landesregierung in Düsseldorf davon aus, dass allein in Nordrhein-Westfalen bis 2015 rund zehn Milliarden Euro in neue Gas-, Braun- oder Steinkohle-Anlagen investiert werden. Vattenfall Europe kündigte an, schon nach der Sommerpause werde über den Bau eines Braunkohlekraftwerks in Sachsen und einer Steinkohle-Anlage bei Hamburg entschieden.

Bei RWE wurde bereits ein Drei-Milliarden-Euro-Programm zur Erneuerung des Kraftwerkparks gestartet. Mit diesem Geld will der Essener Konzern schon in den kommenden sechs Jahren etwa 4000 Megawatt und damit zehn Prozent seiner Stromerzeugungs-Kapazitäten ersetzen oder erneuern. Nach dem derzeitigen Stand der Planungen wird das Geld in vier Projekte fließen. Im rheinischen Revier soll ein neues Braunkohlekraftwerk mit einem oder zwei 1000-Megawatt-Blöcken entstehen. Eine schon bestehende Anlage in der Region wird mit zwei Gasturbinen aufgestockt. Für ein komplett neues Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GuD) sucht RWE noch einen geeigneten Standort. Außerdem will sich RWE ebenso wie E.ON und andere Energiegrößen an einem in Nordrhein-Westfalen geplanten Steinkohle-Referenzkraftwerk beteiligen, dass einen deutlich höheren Wirkungsgrad aufweist als die derzeit betriebenen Steinkohle-Anlagen.

Wie RWE setzt auch der E.ON-Konzern - trotz seiner starken Positionen im Gasgeschäft - auf einen möglichst breiten Mix bei der Stromerzeugung. Derzeit basiert die deutsche Stromerzeugung noch zur Hälfte auf Braun- und Steinkohle. Die Kernenergie liefert 28 Prozent, Gas zehn und erneuerbare Energien acht Prozent. Ein breiter Energiemix ist breiter Konsens unter allen Experten.

Wie der Energiemix in Deutschland nach der anstehenden Erneuerung der Kraftwerke aussehen wird, ist zum Teil noch unklar. Beschlossen haben Bundesregierung und Energiebranche 2001 den schrittweisen Ausstieg aus der Atomkraft und den Ausbau der erneuerbaren Energien auf 12,5 Prozent der Stromgewinnung bis 2010. Dass die Energiegewinnung aus Sonne, Wind und Biomasse kaum konventionelle Kraftwerksleistung ersetzen kann, ist trotz der Forderungen nach einer globalen Energiewende auch Umweltpolitikern einleuchtend.

Das nährt auch die neue Atomkraft-Debatte. Die Branche betont offen, es gebe einen vereinbarten Kompromiss. An den werde man sich strikt halten halten, solange die Politik keine anderen Vorgaben macht. Hinter vorgehaltener Hand sprechen die Lobbyisten aber von "forcierter Deindustrialisierung" durch die Abschaltung der Kraftwerksblöcke. Argumente liefert dabei Schweden. In Stockholm wurde schon vor mehr als 20 Jahren der Atomausstieg gesetzlich beschlossen - und seitdem auf die lange Bank geschoben.

Von Korrespondent Andreas Heitker, Dow Jones Newswires

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