Eskalation

Endlager Gorleben gestürmt

Die in den vergangenen Tagen wiederaufgeflammte Debatte um die Endlagerung von Atommüll ist am Freitag auf spektakuläre Weise eskaliert. Hunderte Atomkraftgegner besetzten für zwei Stunden das Erkundungsbergwerk im Wendland.

Stromnetz Ausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Gorleben/Berlin (ddp/red) - Mehrere Hundert Atomkraftgegner drangen gewaltsam in den oberirdischen Bereich des Erkundungsbergwerks Gorleben im Wendland ein und hielten das Gelände für rund zwei Stunden besetzt.

Erst unter mehrmaliger Androhung von "Zwangsmaßnahmen" gelang es der Polizei, die Besetzer zum Verlassen der Anlage zu bewegen. Die Atomkraftgegner kündigten weitere Protestaktionen an: "Wir werden keine Ruhe mehr geben", sagte ein Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI).

Anlass für die Proteste waren Berichte vom Vortag, wonach schon in den 1980er Jahren damit begonnen wurde, den Salzstock Gorleben zum Endlager für Atommüll herzurichten. Bislang hieß es offiziell stets, Gorleben werde nur erkundet. Dass die Pläne jedoch schon wesentlich weiter gediehen sind, geht aus einem internen Papier des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) hervor, das der "Frankfurter Rundschau" vorliegt. Das BfS hat eingeräumt, dass die bislang in Gorleben angefallenen Kosten höher seien, als es allein für eine Erkundung im Rahmen eines Standortauswahlverfahrens notwendig gewesen wäre.

Am Freitagmittag hatten zunächst 500 Atomkraftgegner vor dem Bergwerk für die Aufgabe des Salzstocks als vorgesehenes Endlager protestiert. Die Bürgerinitiative sprach von 1000 Teilnehmern. Auch rund 30 Landwirte mit ihren Traktoren beteiligten sich. Nach Angaben der Polizei brachen dann 200 bis 300 Personen aus der Demonstration aus. Sie schnitten die Schutzzäune auf, öffneten Tore und stürmten das Lager-Gelände. Durch eines der Haupttore fuhren auch einige Traktoren auf das Gelände auf. Die Demonstranten besetzten unter anderem den Förderturm und drangen in eine Werkshalle ein. Es kam zu Sachbeschädigungen und Farbschmierereien.

Erst nach eindringlichen Appellen durch die Polizei gaben die Demonstranten auf und verließen das Gelände. Vereinzelt kam es zu Rangeleien mit Polizeibeamten. Bei einem Streifenfahrzeug wurden vier Reifen zerstochen. Man sei von der "Aggressivität" der Protestierer "überrascht" und "erschüttert" gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Es wurden Ermittlungen wegen Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Körperverletzung eingeleitet.

Die Europaabgeordnete der Grünen, Rebecca Harms, stellte sich hinter die Aktion der Atomkraftgegner. "Diese Proteste waren das mindeste, was passieren musste", sagte sie. Die Meldung, dass der Salzstock Gorleben zum Endlager ausgebaut werde, sei allerdings "nicht wirklich überraschend" gewesen. "In Gorleben wird schon seit 30 Jahren gelogen, wie es gerade gebraucht wird", sagte Harms.

"Wir werden so lange demonstrieren, bis der Endlagerstandort Gorleben aufgegeben wird", sagte ein Sprecher der Bäuerlichen Notgemeinschaft. Am 5. September wollen die Atomkraftgegner ihre Proteste nach Berlin tragen. Auf einer großen "Anti-Atom-Demo" werden bis zu 30 000 Teilnehmer erwartet. Unterstützung sollen sie von einem Korso aus 200 Traktoren aus dem Wendland bekommen.

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