Einigung in Brüssel

Der "Grexit" ist vorerst abgewendet

Mit gemischten Gefühlen reagiert Griechenland auf die Einigung, die es in Brüssel nun doch noch gegeben hat. Über ein weiteres Hilfspaket soll verhandelt werden - im Gegenzug werden harte Reformen gefordert. Zu harte, meinen einige.

Finanzkrise© Stefan Merkle / Fotolia.com

Athen (dpa/red) - Endlich ein Übereinkommen! Griechenland atmete nach der Einigung beim Gipfeltreffen der Euro-Zone auf, von Jubel konnte aber keine Rede sein. Der drohende "Grexit", das Verlassen der Euro-Zone, ein Pleite des Staates und ein Absturz ins Chaos wurden bei den dramatischen Gipfelverhandlungen in Brüssel vorerst abgewendet. Ein drittes Hilfspaket könnte 82 bis 86 Milliarden Euro in die Kassen spülen. Aber die Griechen wissen, dass auf sie harte Zeiten zukommen.

Reaktionen aus Griechenland

"Wenn ich das genau betrachtet, ist das Ergebnis nicht gut für mich", sagte der Athener Restaurantbesitzer Neoptolemos Nikolaou. "Mir wird die Mehrwertsteuer von 13 auf 23 Prozent heraufgesetzt. Dennoch meine ich, dass dies der richtige Weg ist - auch wenn wir in Griechenland noch so viele negative Maßnahmen treffen müssen." Der 61-Jährige hatte lange Zeit als Manager für einen Elektronikkonzern gearbeitet und sich vor ein paar Jahren als Inhaber von zwei Pizzerien selbstständig gemacht. "Das Wichtigste wird nun sein, dass wir die Beschlüsse in die Tat umsetzen", betonte der Gastwirt. "Dazu brauchen wir fähige Leute. Ich hoffe, die haben wir auch."

Erleichtert äußerte sich auch die Apothekerin Ioanna Kimbezi im Athener Stadtteil Goudi. Die 61-Jährige war vor drei Wochen Großmutter geworden und sieht in der Einigung eine gute Nachricht für ihren Enkel. "Ich bin glücklich, dass der Kleine in diesem Land eines Tages ein normales Leben führen kann»", sagte sie. "Uff", stöhnte ein Athener Taxifahrer. "Nun müssen wir erst einmal tief durchatmen. Wir waren schon komplett untergegangen, aber jetzt schauen wir immerhin mit dem Kopf wieder aus dem Wasser."

Die Sekretärin Chara Dragasi blickt dagegen besorgt in die Zukunft. "Wann machen endlich die Banken wieder auf?", fragte sie. Ihre Mutter hatte bis zu ihrer Pensionierung in der Wäscherei eines Krankenhauses gearbeitet, und nun bangt die Rentnerin um ihre gesamten Ersparnisse von 60.000 Euro.

Einigung kommt spät

Der Anwalt Giorgos Stamatopoulos hält der griechischen Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras vor, die Einigung mit den Geldgebern unnötig hinausgezögert zu haben. "Ein solches Übereinkommen hätten die Dummköpfe in der Regierung schon im Februar schließen sollen", beklagte der Jurist. "Dass es nun eine Einigung gibt, ist gut, aber sie kommt viel zu spät und wird uns sehr wehtun."

Sparpaket wird noch verschärft

Das Übereinkommen von Brüssel beruht zu einem großen Teil auf dem Angebot, das EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker der griechischen Regierung im Juni gemacht hatte. Die Tsipras-Regierung hatte die Offerte damals zurückgewiesen; auch die griechische Bevölkerung erteilte dem vorgeschlagenen Reform- und Sparpaket in einem Referendum vor gut einer Woche eine klare Absage. Nun musste Athen die Forderungen der Geldgeber doch akzeptieren - und beim Brüsseler Gipfelbeschluss obendrein noch weitere Zugeständnisse machen, wie die Schaffung eines Fonds für die Privatisierung staatlichen Eigentums.

Demütigung für Griechenland?

"Das Übereinkommen ist demütigend für das Land und für das griechische Volk", beklagte die Plattform der Linken, die den linken Flügel der Regierungspartei Syriza repräsentiert. Tsipras betonte demgegenüber: "Wir haben das Beste erreicht, was möglich war."

Der Regierungschef musste sich allerdings vorhalten lassen, mit seiner Anti-Spar-Strategie die Chance verpasst zu haben, schon vor Monaten eine günstigere Lösung auszuhandeln. "Fünf Monate lang hatte die Regierung geglaubt, die Geldgeber mit einer Wasserpistole in Person von (Ex-Finanzminister) Gianis Varoufakis erpressen zu können", beklagte die linksliberale Zeitung "Ta Nea". "Nun musste Griechenland in Brüssel als Bittsteller auftreten und ein besonders hartes und fast demütigendes Sparprogramm akzeptieren."

Zeitung: Tsipras muss Griechen reinen Wein einschenken

Das konservative Blatt "Kathimerini" sieht das ähnlich: "Die Regierung hatte den Griechen weisgemacht, dass mit dem Nein im Referendum ihre Verhandlungsposition gestärkt würde; die Möglichkeit eines Grexit wurde als Gerede und als eine Drohung theoretischer Natur abgetan", hielt die Zeitung der Tsipras-Regierung vor. "Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Nun ist es an der Zeit, dass die Regierung den Griechen reinen Wein einschenkt."

Varoufakis als Sündenbock

Viele Griechen sehen in - dem vor einer Woche zurückgetretenen - Varoufakis den Hauptverantwortlichen für die gescheiterte Verhandlungsstrategie der vergangenen Monate. "Da hatte Griechenland einen Minister nach Brüssel geschickt, der auftrat wie ein Rockstar, aber keine Einigung zustande brachte", schrieb ein Hörer in einer Mail an den Radiosender Vima FM. "Aber kaum entsenden wir einen Finanzminister wie Euklid Tsakalotos, der normal gekleidet ist und vernünftig verhandelt, klappt es fast sofort."

Der konservative Oppositionsführer Evangelos Meimarakis meinte: "Griechenland rang sich leider erst fünf Minuten nach Zwölf zu einem Übereinkommen durch. Ein Scheitern des Gipfels wäre eine Katastrophe gewesen." Seine Partei Nea Dimokratie will - ebenso wie die Sozialisten und die liberale Partei Potami (Fluss) - die Linksregierung von Tsipras dabei unterstützen, die zugesagten Sparvorhaben durch das Parlament zu bringen.

Quelle: DPA

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