Strom-Magazin-Tipp

Buch-Neuerscheinung: Die deutsche Stromwirtschaft

In einer aktuellen Neuerscheinung untersucht Annika Krisp, Redakteurin bei Strom-Magazin.de, die energiepolitischen Herausforderungen Deutschlands in den kommenden Jahren. Sie kommt dabei zu dem Schluss, dass die sichere Versorgung mit Energie auch ohne Atomenergie gewährleistet werden kann.

Stromtarife© Gina Sanders / Fotolia.com

Wetzlar (red) - Die sichere Versorgung mit Energie gehört seit jeher zu den grundlegendesten Themen nationaler Politik. Dabei sind die energiepolitischen Herausforderungen in den vergangenen Jahren sogar noch gewachsen, so dass Deutschland mittlerweile vor dringendem Handlungszwang steht: Es muss die EU-Vorgaben zur Schaffung von (mehr) Wettbewerb auf dem Energiemarkt ebenso erfüllen wie die Anforderungen des Kyoto-Protokolls zur Senkung des Ausstoßes von klimaschädlichen Treibhausgasen. In einem neuerschienenen Buch hat Annika Krisp, Redakteurin beim renommierten Online-Portal www.strom-magazin.de, die aus dieser Konstellation resultierenden drei Hauptaufgaben einer deutschen Energiepolitik des 21. Jahrhunderts analysiert.

Umfassende Analyse momentaner Energiepolitik

So beschreibt Krisp (1.) die Maßnahmen, die ergriffen wurden, um das ehemals monopolistisch organisierte deutsche Energieversorgungssystem zu liberalisieren und beurteilt zudem ihren Erfolg. (2.) werden die Maßnahmen untersucht, mit denen Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen will und eine These dazu aufgestellt, ob tatsächlich alle vorhandenen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden. Und (3.) werden die Probleme identifiziert, die aus der Kombination von Politik im Sinne von mehr Wettbewerb auf der einen und aus Maßnahmen im Sinne von mehr Klimaschutz auf der anderen Seite entstehen und ein Lösungsvorschlag gemacht. Die Autorin, die im Jahr 2007 über dieses Thema promovierte, legt somit eine umfassende Analyse der momentanen Energiepolitik vor. Dazu werden der von Deutschland gewählte energiepolitische Weg zwischen Wettbewerb und Klimaschutz untersucht, Konflikte zwischen den Akteuren und die Gründe dafür identifiziert, die Funktionsfähigkeit der gewählten Instrumente einer genauen Betrachtung unterzogen und schließlich die Perspektiven benannt, die sich aus der bisherigen Entwicklung zur Erreichung des Ziels - eine günstige, sichere und umweltfreundliche Versorgung mit Energie zu gewährleisten - ergeben.

Am Anfang stehen eine Beschreibung von Ausgangslage und Rahmenbedingungen für die strukturellen Änderungen seit Mitte der 80er Jahre und eine Analyse der Neuregelungen ab 1985, wobei hier die wichtigsten Veränderungen auf den drei relevanten Ebenen - international, europäisch und national - Beachtung finden. Es folgt dann eine Identifizierung der Energiemarkt-Akteure und ihrer Interessen. Neben den Interessen europäischer und nationaler Politik, die sich unter den Schlagwörtern Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit, Billigkeit und Umweltverträglichkeit zusammenfassen lassen, wird hier auch die Motivation von Städten und Kommunen, von Energieversorgern und von industriellen sowie privaten Energieverbrauchern untersucht. Ebenso analysiert werden im folgenden die Instrumente, die zur Regulierung des Energiemarktes eingesetzt werden. Ihre Effektivität wird anhand aktueller Entwicklungen untersucht und einer Bewertung unterzogen.

Perspektiven für mehr Wettbewerb und effektiveren Umweltschutz

Im anschließenden vierten Teil werden die konkreten politischen und branchenspezifischen Entwicklungen seit der Neufassung des deutschen Energiewirtschaftsrechts 1998 erläutert. Dabei spielen die legislativen Entscheidungen zur Einführung und Etablierung von Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt eine ebenso große Rolle wie die eingeführten Maßnahmen zur Minderung der Emissionen. Auch der Weg zum Ausstieg aus der Atomenergie wird einer näheren Betrachtung unterzogen. Untersucht und beschrieben werden auch die Änderung der Marktstruktur durch Zusammenschlüsse und Fusionen und die Entwicklung von Preisen und Investitionen. Im fünften Teil dann werden die Erkenntnisse der vorherigen Kapitel in Perspektiven für mehr Wettbewerb und effektiveren Umweltschutz zusammengefasst. Hier analysiert Krisp die sich aus den Veränderungen des Marktes für die Verbundunternehmen und die kommunalen Versorger ergebenen Notwendigkeiten und Möglichkeiten ebenso wie die Chancen der Politik, den Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt zu intensivieren. Zudem werden die aktuellen Probleme der Versorgungssicherheit in Deutschland identifiziert, woraus Aufgaben einer zukunftsfähigen Energiepolitik hergeleitet werden können. Ebenso wird bisher Erreichtes und weiterhin Nötiges im Bereich des Umweltschutzes und der Emissionsminderung eingeordnet und die Frage diskutiert, ob Deutschland seine Klimaschutzziele verfehlt, wenn der Ausstieg aus der Atomenergie planmäßig vollzogen wird.

Umwälzungen nicht tiefgreifend

Nach 5 Jahren Liberalisierungspolitik und fast 10 Jahre nach Kyoto zeigt Annika Krisp, dass die Umwälzungen überwiegend an der Oberfläche stattgefunden haben - obwohl tiefergreifende Maßnahmen notwendig sind, um gleichermaßen Wettbewerb, Versorgungssicherheit und Umweltschutz auch in den kommenden 10-20 Jahren zu garantieren. Dazu zeichnet diese Arbeit auf Grundlage von aktuellen Zahlen und Entwicklungen ein detailliertes Bild des deutschen Energiesektors und der deutschen Energiepolitik innerhalb der europäischen Strukturen, das es ermöglicht, Akteure, Markt und Ressourcen kennen zu lernen und die einzelnen Interessen zu unterscheiden. Gleichzeitig werden die Abweichungen zwischen Gesetzen und Vorgaben und der Wirklichkeit im Markt dar- und Möglichkeiten für eine stärkere Angleichung vorgestellt.

Annika Krisp, geboren 1975 in Berlin, studierte von 1994 bis 2000 Politikwissenschaft in Gießen und Leicester. Bereits in ihrer Magisterarbeit befasste sie sich mit dem damals noch recht frisch liberalisierten deutschen Strommarkt. Seit 2000 arbeitet die Journalistin bei der i12 GmbH, die mit dem Internetportal www.strom-magazin.de eines der ersten Informationssysteme zum liberalisierten Energiemarkt entwickelte und es seither zu einer renommierten Plattform in diesem Bereich ausbaute. 2002 übernahm sie das Amt der Redaktionsleiterin. Im September 2007 schloss sie ihre Promotion an der politikwissenschaftlichen Fakultät in Gießen erfolgreich ab.

Annika Krisp: Die deutsche Stromwirtschaft - Interessenkonflikte, Klimaschutz und Wettbewerb. VWEW Energieverlag 2008, 259 Seiten, ISBN 978-3-8022-0932-1, 34,80 Euro. Weitere Infos und Bestellungen unter: www.vwew.de/stromwirtschaft

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