Asse-Verfahren

BfS-Präsident: Endlager-Gefahren wurden massiv unterschätzt

Die Gefahren und Herausforderungen bei der Endlagerung radioaktiver Abfälle sind nach Ansicht des Präsidenten des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, über lange Zeit "systematisch unterschätzt" worden. König sagte im Asse-Verfahren Offenheit zu.

Stromtarife© Gina Sanders / Fotolia.com

Remlingen/Hannover (ddp/sm) - Anfangs habe sich bei diesem Thema auch bei Wissenschaftlern "eine falsche Grundhaltung herausgebildet", sagte König am Mittwoch in Remlingen bei einer Podiumsdiskussion zum Atommülllager Asse. König kritisierte die "Philosophie" des bisherigen Asse-Betreibers Helmholtz Zentrum München, der bestehende Ängste nicht ausreichend berücksichtigt habe und auf die Bedürfnisse nach Information nicht genügend eingegangen sei. Das BfS wird künftig anstelle des Helmholtz Zentrums das Atommülllager Asse leiten und auch für dessen Schließung zuständig sein. Die Behörde ist Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) unterstellt.

"Wir treten kein leichtes Erbe an", sagte König unter Verweis auf bisherige Versäumnisse und künftige Aufgaben. Für ihn und seine Behörde seien "Transparenz und Offenheit" besonders wichtig. Die Informierung der Öffentlichkeit solle beispielsweise durch Informationsveranstaltungen und eine Internet-Präsenz gewährleistet werden.

Fachlich kommt es aus der Sicht von König nun darauf an, dass die Experten die beste Methode zur sicheren Verwahrung der Abfälle finden. Zu prüfen sei beispielsweise, ob der radioaktive Müll oder ein Teil davon aus dem Bergwerk herausgeholt werden solle. An dem vom bisherigen Betreiber favorisierten Konzept einer Flutung gebe es jedenfalls Zweifel. An den Finanzen werde eine Lösung nicht scheitern, versicherte König: "Das Geld wird bereitgestellt werden durch den Bund."

Der niedersächsische Umwelt-Staatssekretär Stefan Birkner bekräftigte, bei der Sanierung der Asse dürfe sich "die Frage nach dem Geld nicht stellen". "Da zahlt man das, was früher falsch gemacht wurde", sagte er. Jetzt komme es auf die beste Lösung an, "da darf man auf das Geld nicht schauen". Birkner bestätigte Disziplinarmaßnahmen gegen Mitarbeiter des Landesbergamtes, das bislang als Genehmigungsbehörde für die Asse fungierte.

Der Wolfenbütteler Landrat Jörg Röhmann (SPD) bemängelte ebenfalls die vom Helmholtz Zentrum beantragte Flutung der Asse. "Das hat uns hier alle aufgeschreckt", sagte er. Gleichzeitig verteidigte Röhmann die Entscheidung der SPD-Landtagsfraktion, keinen Untersuchungsausschuss zur Asse einzusetzen. Man brauche jetzt keine "Schlammschlacht", sondern müsse den "Blick nach vorn" richten.

Für die örtlichen Bürgerinitiativen kritisierte deren Sprecher Udo Dettmann die "Bruderschaft" zwischen dem bisherigen Betreiber und den Aufsichtsbehörden. Der Betreiberwechsel sei ein Ziel gewesen, das man habe erreichen wollen, sagte er. Damit alleine sei aber "noch kein Fass Atommüll sicherer gemacht".

Viele der etwa 80 Zuhörer zeigten sich über die Pannen und "Vertuschungen" im Lager Asse beunruhigt und erklärten, sie hätten kein Vertrauen mehr in die Politik und die Behörden. "Wir sind so oft belogen worden", sagte eine Frau. Sie sei skeptisch, ob mit dem angekündigten Betreiberwechsel "nun alles gut wird." Weitere Zuhörer bekräftigten die Forderung, den Atommüll aus dem Bergwerk zurückzuholen. Ein Anwohner erklärte: "Ich bin erst dann mit der Asse zufrieden, wenn das letzte Fass wieder herausgeholt ist."

Die niedersächsischen Grünen haben ihre Forderung nach einem Untersuchungsausschuss zu den Vorgängen in dem umstrittenen Atommülllager Asse bekräftigt. Es habe eine "ganze Latte von Rechtsverstößen" in der Asse gegeben, sagte Fraktionschef Stefan Wenzel am Mittwoch in Hannover. Der Öffentlichkeit sei nicht zu vermitteln, dass niemand "für die Vertuschung von Straftaten", um die es im Kern gehe, verantwortlich sein soll.

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