Standpunkt

Bayern wirbt in neuem Energiekonzept für Kernkraft

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) wirbt in einem eigenen Energiekonzept für eine deutliche Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken um 20 bis 30 Jahre. Ifo-Präsident Sinn ist sogar der Ansicht, Deutschland brauche neue Atomkraftwerke. Sinn bezeichnete die Kernkraft als "grüne Technologie".

Stromtarife© Gina Sanders / Fotolia.com

München (ddp/red) - vbw-Präsident Randolf Rodenstock forderte am Montag in München, die Energieversorgung im Freistaat müsse sicher und bezahlbar bleiben. Bei der Kernenergie handele es sich um eine "günstige, stabile und CO2-neutrale Energieerzeugung". Rodenstock verlangte zugleich ein "mutiges Investieren" in erneuerbare Energien.

Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, warb sogar für den Bau neuer Atomkraftwerke in Deutschland. Er sagte der Nachrichtenagentur ddp, die Kernenergie sei "eine konkurrenzlos billige Form der Stromerzeugung". Im Übrigen handele es sich dabei auch um eine "grüne Technologie", weil kein CO2-Ausstoß entstehe.

Rodenstock verwies darauf, dass Bayern energiepolitisch im Vergleich zu anderen Bundesländern vor einer besonderen Herausforderung stehe: "Der Freistaat hat weder ausreichend Standorte für erneuerbare Energien noch unmittelbaren Zugang zu den neu entstehenden Windparks in der Nord- und Ostsee." Gerade deshalb sei die Kernkraft "auch für die Zukunft unabdingbar".

Notwendig seien zudem "eine intelligente und europaweit organisierte Netzstruktur und neue Formen der Energiespeicherung". Rodenstock fügte hinzu, die Versorgungssicherheit müsse trotz Schwankungen in der Energieeinspeisung gewährleistet bleiben. Nur so könne "ein Schlüsselproblem der erneuerbaren Energien gelöst werden: Unsere Industrie muss auch mit ausreichend grundlastfähiger Energie versorgt werden können, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht."

Sinn riet der Bundesregierung, sich beim Thema Kernenergie an anderen Ländern zu orientieren. Er mahnte: "Es gibt kein einziges Land auf der ganzen Erde, das noch aus der Atomkraft aussteigt - Deutschland ist der Geisterfahrer auf der Autobahn."

Der Ifo-Präsident fügte hinzu, es sei zwar "verständlich, wenn die Vertreter der erneuerbaren Energien den Atomstrom ablehnen und eine möglichst schnelle Abschaltung der Kraftwerke fordern". Aber deren Interessen seien "natürlich nicht identisch mit den Interessen der Verbraucher". Sinn betonte: "Je weniger Atomstrom produziert wird, desto höher ist der Strompreis - und desto eher kommen erneuerbare Energien über die Wettbewerbsschwelle hinweg."

Zur Debatte über die Sicherheit von Kernenergie sagte Sinn: "Der fossile Strom ist ebenfalls sehr gefährlich, denn da haben wir den Treibhauseffekt." Der Ifo-Präsident betonte: "Wir benutzen die Atmosphäre als Endlager für das CO2 - und mir kann kein Mensch erzählen, dass das weniger gefährlich sei, als kleine Mengen von radioaktiven Abfallstoffen in irgendwelchen Salzstöcken endzulagern." Klar sei zudem, dass man eine Industriegesellschaft nicht nur mit Sonnen- und Windstrom betreiben könne: "Das ist absolut illusionär."

Das könnte Sie auch interessieren
  • Hochspannungsleitung

    Eingriffe in das Stromnetz verteuern Strompreis

    Eingriffe in das Stromnetz durch die Netzbetreiber werden immer häufiger notwendig. Das kommt auch dem Verbraucher teuer zu stehen, denn die sogenannten "Redispatchmaßnahmen" werden letztendlich über den Strompreis finanziert.

  • Erde

    Studie: Mehr Geld für konventionelle Energien als für Ökostrom

    Einer Kurzanalyse zufolge werden konventionelle Energien im kommenden Jahr deutlich stärker gefördert als erneuerbare Energieträger. Demnach läge eine Umlage für Atom- und Kohlestrom deutlich über der EEG-Umlage.

  • Stromtarife

    Atomwirtschaft soll Hälfte der Zusatzgewinne abgeben (Upd.)

    Die deutsche Atomindustrie soll als Gegenleistung für eine Verlängerung der Kraftwerkslaufzeiten einem Zeitungsbericht zufolge pro Jahr vier bis fünf Milliarden Euro zahlen. Zudem wurde bekannt, dass die Atomwirtschaft offenbar gewaltigen Druck auf die Politik ausübt, auf die geplante Atomsteuer zu verzichten.

  • Hochspannungsmasten

    Erste Eckpunkte für CO2-Speicherung beschlossen

    Zur Erreichung der Klimaschutzziele will die Bundesregierung in den nächsten Jahren die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid vorantreiben. An der CCS-Technologie scheiden sich die Geister: Die Industrie lobt sie als wichtige Brückentechnologie, Umweltschützer hingegen halten CCS für riskant und überflüssig.

  • Strom sparen

    Mögliche Atomstrom-Auktion mit geteiltem Echo

    Die vier großen Energiekonzerne in Deutschland haben die Idee einer Versteigerung von längeren Laufzeiten für Kernkraftwerke mit deutlicher Zurückhaltung aufgenommen. Auch innerhalb der CSU gibt es Bedenken. Andere hingegen sprechen von einer "bestechenden Idee".

Top