Keine Herrenjahre

Ausbildung: Unterschiede bei Gehältern sind noch immer gewaltig

Einzelhändler verdienen während der Ausbildung im Westen 733 Euro pro Monat im ersten Lehrjahr - im Osten sind es 653 Euro. Vergleich man dann noch die Branchen und das Geschlecht der Lehrlinge, gehen die Gehälter aber noch viel weiter auseinander.

Gewerbetarife© Kurhan / Fotolia.com

Berlin - Die Unterschiede sind gewaltig. Knapp 1.400 Euro bekommt ein Maurerlehrling in Westdeutschland im dritten Lehrjahr - ein Friseur in Ausbildung in dem Stadium muss mit gerade mal 596 Euro auskommen. Ebenfalls groß sind die Differenzen nach den Daten des Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zwischen West und Ost: Während der angehende Einzelhändler in den alten Bundesländern im ersten Lehrjahr mit 733 Euro rechnen kann, sind es in Mecklenburg-Vorpommern nur 653 Euro. Genug, um auf eigenen Füßen zu stehen?

Friseur-Azubis verdienen im Osten unter 300 Euro im Monat

Nein - kritisiert die Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Berlin. "Das klassische Negativbeispiel ist ein Friseur-Azubi in Ostdeutschland, der 269 Euro bekommt. Das ist skandalös", sagt Anna Gerhardt, politische Referentin der DGB-Jugend. Ein weiteres Problem: "Es gibt nach wie vor gravierende Unterschiede zwischen männlich und weiblich dominierten Berufen." So verdient ein Gleisbauer im dritten Lehrjahr in den alten Bundesländern 1.263 Euro je Monat, eine Medizinische Fachangestellte aber nur 790 Euro.

Starkes Gefälle je nach Branche

Gleichzeitig beobachtet man beim BIBB ein Gefälle zwischen den Branchen. Das Niveau der tariflichen Ausbildungsvergütungen sei nach wie vor im Handwerk zum Teil erheblich niedriger als in Industrie und Handel, sagt ein BIBB-Sprecher. Zwar gehören Handwerker im Baugewerbe wie Maurer zu den Spitzenverdienern. Ein Schuhmacher kommt selbst am Ende seiner Lehre in den alten Bundesländern nur auf 535 Euro pro Monat. Floristen verdienten zuletzt in Ostdeutschland lediglich 475 Euro im dritten Lehrjahr.

Bedarf an Azubis und überlaufene Ausbildungsberufe

Reinhard Bispinck, Tarifexperte bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, begründet die Unterschiede mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Branchen. "Die Bezahlung hängt aber auch von der Organisationskraft der Beschäftigten ab", sagt er. In der Elektroindustrie könne die IG Metall beispielsweise mehr durchsetzen als Verdi bei den Friseuren. Ein dritter Faktor seien der Bedarf an Auszubildenden und die Beliebtheit der Branchen.

"Friseure und Kfz-Mechatroniker sind sehr beliebt", sagt Bispinck. Das drückt den Preis, den Unternehmen für ihre Lehrlinge zahlen. Ein Kraftfahrzeugmechatroniker gehört selbst in der Industrie am Ende seiner Ausbildung in Westdeutschland mit etwas mehr als 900 Euro pro Monat nicht zu den Spitzenverdienern unter den Lehrlingen.

Der Umkehrschluss lässt sich nach Einschätzung der DGB-Jugend allerdings nicht beobachten: "Vor allem Branchen, die darüber klagen, keine Azubis zu finden, zahlen schlecht." Klempner beispielsweise verdienen selbst im vierten Lehrjahr in Westdeutschland nur 723 Euro, Köche liegen mit 826 Euro je Monat gerade mal im Durchschnitt. Allerdings seien bei Ausbildungsberufen mit Bewerbermangel wie zum Beispiel im Lebensmittelhandwerk überdurchschnittliche Steigerungen zu beobachten, heißt es beim BIBB.

Höhe der Ausbildungsvergütung ist gesetzlich nicht festgeschrieben

Eine grundsätzliche Höhe für die Ausbildungsvergütung gibt der Gesetzgeber nicht vor. Die Ausbildungsvergütung müsse "angemessen" sein, erklärt Bispinck. Beim Zentralverband des Handwerks hält man das für gegeben: "Die Ausbildungsvergütung ist eine einzigartige Sache", sagt ein Sprecher. Weder für die schulische noch die Ausbildung an der Uni werde man bezahlt. Auch trügen die Auszubildenden in der Regel noch nicht zum Umsatz des Unternehmens bei. Gerade in Dienstleistungsberufen und kreativen Jobs spiele die Bezahlung für die Ausbildungswahl überhaupt keine Rolle. "Ausbildungsplätze als Goldschmied werden immer gesucht."

Sind die Darstellungen zum Durchschnittsgehalt realistisch?

Im Schnitt, so errechnet das BIBB, verdiente 2015 ein Lehrling in Deutschland 826 Euro pro Monat und damit 3,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Allerdings fließen in diese Berechnung nur die tariflich gezahlten Ausbildungsvergütungen ein - laut BIBB etwa 89 Prozent aller Ausbildungsverhältnisse. Die DGB-Jugend geht auf Basis eigener Umfragen davon aus, dass die tatsächlich gezahlten Ausbildungsvergütungen darunter liegen.

Die Gewerkschaftsjugend fordert deshalb Mindeststandards: "Aus unserer Sicht muss es eine existenzsichernde Ausbildungsvergütung geben, von der ein Auszubildender eigenständig leben kann und die ihm eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht", sagt Gerhardt.

"Das muss über allgemeinverbindliche Tarifverträge erreicht werden. Im Bäckerhandwerk beispielsweise ist uns das gelungen." Dort ist zumindest das Ost-West-Gefälle aufgehoben. Deutschlandweit bekommen Bäckerlehrlinge im dritten Lehrjahr 730 Euro je Monat.

Quelle: DPA

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