Expertenrat abgelehnt

Auch Niedersachsen ignorierte Bedenken gegen Gorleben

Neben dem Bund hat offenbar auch das Land Niedersachsen fachliche Bedenken gegen die Eignung des Salzstocks Gorleben als Endlager für Atommüll ignoriert. Die Landes- sowie die Bundesregierunt hätten sich über den Expertenrat hinweggesetzt und sich aus politischen Gründen für den Standort Gorleben entschieden.

Stromnetz Ausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Frankfurt/Gorleben (ddp-nrd/red) - Wie die "Frankfurter Rundschau" unter Berufung auf einen an der Standortanalyse beteiligten Wissenschaftler berichtet, setzte sich die Landesregierung in Hannover in den 1970er Jahren über den Rat der eigenen Fachleute im damaligen Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung (NLfB) hinweg. Die Geologen hielten Gorleben für ungeeignet und rieten von einer Nutzung als atomares Endlager ab.

Standort Gorleben nur aus politischen Gründen

Mit dem Zeitungsbericht verdichten sich die Hinweise darauf, dass sowohl Bundes- wie auch niedersächsische Landesregierung Gorleben vor allem aus politischen Gründen durchsetzten. In der vergangenen Woche waren bereits Unterlagen öffentlich geworden, wonach sich die ehemalige Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) trotz fachlicher Bedenken für Gorleben als Wunschendlager entschied. Danach mussten Experten ihre Bewertung zur Eignung des Salzstocks in den 1980er Jahren auf Druck des Bundeskabinetts umschreiben.

Bezüglich der Entscheidungsmitbeteiligung der niedersächsischen Landesregierung zitiert die "Frankfurter Rundschau" den Hydrogeologen Dieter Ortlam, der bereits in den späten 60er Jahren für Boden-Untersuchungen in der Gorleben-Region zuständig war. Ihm zufolge stuften die NLfB-Experten den Salzstock an der DDR-Grenze in den 70er Jahren als nicht endlagerfähig ein. Der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) legte sich aber dennoch auf Gorleben fest. Die zuständigen Fachleute hätten daraufhin "entsetzt" reagiert, sagte Ortlam.

Viele Wissenschaftler halten Gorleben für ungeeignet

Der Geologe hält Gorleben unter anderem für ungeeignet, weil die Ton-Deckschicht über dem Salzstock nicht durchgehend sei. Durch eine Rinne fließe stetig Grundwasser zum Salzstock, der dadurch "abgelaugt" werde - das heißt, Wasser löse das Salz auf.

Ortlam reiht sich mit seiner Einschätzung in eine ganze Gruppe von Wissenschaftlern ein, die zuletzt vor einer Nutzung des Salzstocks in Gorleben als atomares Endlager warnten. Ihnen zufolge ist der Salzstock brüchig und droht ebenso wie das marode Atommülllager Asse bei Wolfenbüttel wegen unkontrollierten Wasserzuflusses abzusaufen.

Scharfe Kritik an Kanzlerin Merkel

Dass Union und FDP trotz der Bedenken dennoch am Projekt Gorleben festhalten und den Salzstock weitererkunden wollen, stieß am Dienstag erneut auf Kritik. Der Bundestags-Spitzenkandidat der Grünen, Jürgen Trittin, warf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bewusste Täuschung vor.

Merkel wolle nicht erkunden, sondern "schnell vollendete Tatsachen schaffen" - obwohl schon die ersten Gutachter einen Standortvergleich empfohlen hätten, sagte Trittin. "Nirgendwo auf der Welt hat die Erkundung eines Endlagers 1,5 Milliarden Euro verschlungen, es geht um den Bau eines Endlagers", unterstrich er. Merkel hatte sich am Sonntag erneut für eine Aufkündigung des Atomausstiegs ausgesprochen.

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