Kurswechsel

Atomweltmeister Frankreich besinnt sich auf Öko-Energie

Mit einiger Verspätung gegenüber seinen Nachbarn besinnt sich der Atomstromweltmeister Frankreich nun auf erneuerbare Energien. Paris will seinen Rückstand in punkto Solaranlagen und Windkraft aufholen, der im Vergleich zu Deutschland und anderen europäischen Nachbarn beträchtlich ist.

Hochspannungsmasten© Günter Menzl / Fotolia.com

Paris (afp/red) - In Ostfrankreich soll die weltweit größte Fotovoltaikanklage entstehen, im Süden des Landes gibt es einen regelrechten Boom bei Solaranlagen für Privathäuser, und an der Atlantikküste sind mehrere Vorhaben für Offshore-Windanlagen im Gespräch.

Die Weichen dafür wurden im Herbst 2007 gestellt. Bei einer von der Regierung einberufenen Umweltkonferenz sagte Staatschef Nicolas Sarkozy die massive Förderung alternativer Energiequellen zu. Sonnenkraft, Windenergie, Holzheizungen, Wasserkraft, Biomasse und Geothermie sollten Frankreich helfen, zum "Leader" bei den erneuerbaren Energien zu werden. Zunächst geht es aber erst einmal darum, das von der Europäischen Union gesteckte Ziel zu erreichen: Demnach soll der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Energieverbrauch im europäischen Durchschnitt bis zum Jahre 2020 mindestens 20 Prozent betragen.

Schon damit dürfte die Pariser Regierung alle Hände voll zu tun haben. Denn bisher hinkt Frankreich auf diesem Gebiet hinter Deutschland und anderen europäischen Staaten hinterher. Derzeit decken erneuerbare Energien nur knapp zwölf Prozent des französischen Bedarfs. Bei der Sonnenkraft etwa liegt das Land im EU-Vergleich nur an Stelle vier - hinter dem weniger sonnenverwöhnten Deutschland sowie Italien und Spanien.

Windkraftanlagen decken in Frankreich derzeit nur 1,7 Prozent des Stromverbrauchs, gegenüber 6,6 Prozent beim deutschen Nachbarn. Und obwohl das Land zwischen Calais im Norden und Biarritz im Süden über mehr als eintausend Kilometer Atlantikküste hat, gibt es bis heute keine einzige Offshore-Windanlage und nur ein einziges kleines Gezeitenkraftwerk bei Saint Malo in der Bretagne.

Frankreich habe bei den erneuerbaren Energien einen "enormen Rückstand", sagt der zuständige Experte der Umweltschutzorganisation Greenpeace, Yannick Rousselet. Seit dem Erdölschock in den 70er Jahren hätten alle Regierungen fast nur auf den Ausbau der Atomindustrie gesetzt. Heute deckten die 56 französischen Atomreaktoren vier Fünftel des landesweiten Strombedarfs - laut Greenpeace "ein weltweiter Rekord".

"Der mächtige Stromriese EDF hat jahrelang gezielt die Entwicklung anderer Energien gebremst", sagt Rousselet. Im Süden des Landes sei beispielsweise in den 80er Jahren ein damals wegweisenden Solarenergie-Programm aufgegeben worden. Auch der Physiker Benjamin Dessus vom Wissenschaftlernetzwerk Global Chance macht die "einflussreiche französische Atomlobby" für den Rückstand verantwortlich. Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts habe ein Umdenken eingesetzt.

Der Stromerzeuger EDF, der alle französischen Atomreaktoren betreibt, gründete 2004 eine Filiale für erneuerbare Energien - EDF Energies Nouvelles nahm vor gut einem Jahr nahe der südfranzösischen Stadt Narbonne ihr bislang größtes Sonnenkraftwerk in Betrieb. Und sie will auch die weltweit größte Fotovoltaikanlage in Ostfrankreich bauen: Im lothringischen Toul sollen auf einem ehemaligen Militärstützpunkt auf einer 140 Hektar großen Fläche Solarzellen installiert werden. Die Anlage soll 2012 ans Netz gehen und eine Leistung von 143 Megawatt haben - doppelt soviel wie die bisher größte europäische Fotovoltaik-Zentrale im italienischen Rovigo.

Die Wende hin zu grünen Energien bedeutet aber nicht, dass Frankreich über einen Ausstieg aus der Atomenergie nachdenkt. Die Kernkraft soll im Gegenteil auch in Zukunft einen wesentlichen Teil des französischen Strombedarfs und der Elektrizitätsexporte abdecken. Dazu ist in Flamanville am Ärmelkanal seit 2007 ein Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) in Bau, der voraussichtlich 2012 ans Netz gehen soll. Trotz technischer Schwierigkeiten und von den Behörden gerügter Sicherheitsmängel ist bereits der Bau eines zweiten EPR beschlossen. Er soll ab 2012 ebenfalls in der Normandie entstehen.

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