Jahrestagung

Atomlobby: Alles außer Gorleben wäre zu teuer

Lobbyarbeit für den umstrittenen Endlager-Kandidaten Gorleben: Das Deutsche Atomforum setzt weiter auf die Erkundung des niedersächsischen Salzstocks als Lager für hoch radioaktiven Abfall. Ein Hauptargument ist das Geld, das bislang für Gorleben ausgegeben wurde.

Stromtarife© Gina Sanders / Fotolia.com

Stuttgart (dapd/red) - "Für eine tatsächlich offene und ergebnisorientierte Endlagersuche muss Gorleben bis zu einer abschließenden Eignungsaussage weiter als möglicher Endlagerstandort im Auswahlverfahren bleiben", sagte der Präsident des Atomforums, Ralf Güldner, am Dienstag bei der Eröffnung der Jahrestagung Kerntechnik in Stuttgart. Atomkraftgegner forderten unterdessen das Aus für Gorleben und begründeten dies mit geologischen Mängeln.

Gorleben ist weiter umstritten

Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe diskutiert derzeit über ein neues Standortsuchverfahren. Dabei sollen auch unterirdische Lagerstätten in anderen Bundesländern auf ihre Eignung als Endlager hin untersucht werden. Umstritten ist, ob Gorleben weiter als möglicher Standort gelten soll.

Atomkraftgegner kritisierten das Festhalten an Gorleben. Der Salzstock sei ungeeignet, weil Wasser eindringe, sagte Jörg Schmid vom Aktionsbündnis "Atomforum abschalten". Zudem bestehe die Gefahr einer "Vorfestlegung" auf Gorleben, weil bereits mehr als eine Milliarde Euro für die Erkundung ausgegeben wurde und die Untersuchung weiterer Standorte somit deutlich teurer wäre.

1,6 Milliarden Euro für Gorleben ausgegeben

Das Geld ist wiederum auch das Hauptargument für die deutsche Nuklearindustrie, denn die Betreiber von Kernkraftwerken haben die Kosten für die Endlagerung zu tragen. Für die Erkundung von Gorleben seien bisher 1,6 Milliarden Euro geleistet worden, heißt es dort. Solange keine "abschließende fachliche Aussage über die Eignung" des Standorts vorliege, sei die Industrie "nach unserer juristischen Einschätzung" nicht zur Finanzierung einer neuen Standortsuche verpflichtet, argumentierte Güldner.

Auch der Geschäftsführer des Öko-Instituts, Michael Sailer, sprach sich für die weitere Erkundung Gorlebens aus. Der atomkraftkritische Experte sagte, der Salzstock müsse "als ein Kandidat mit im Topf bleiben". Bei der Suche nach dem besten Endlager müssten für alle Standorte die gleichen Kriterien gelten, die vorher festgelegt werden sollten.

Bei der Jahrestagung Kerntechnik treffen sich rund 1.100 Fachleute aus 17 Ländern. Nach Angaben der Organisatoren handelt es sich um das größte Branchentreffen in Europa. Diskutiert werden neben der Endlagerfrage auch die internationalen Pläne zum Neubau von Kernkraftwerken. Eingeladen haben die beiden größten deutschen Atomlobby-Organisationen, das Deutsche Atomforum und die Kerntechnische Gesellschaft.

Hunderte Umweltschützer demonstrieren

Umweltschützer protestierten gegen die Konferenz. Am Mittag inszenierten einige Atomkraftgegner in weißen Schutzanzügen vor der Kongresshalle die Folgen eines Reaktorunfalls und ließen sich bei heulenden Sirenen zu Boden fallen. Am Abend versammelten sich mindestens 1.000 Menschen vor dem Tagungsort und zogen zum Stuttgarter Schlossplatz.

Einen Teil der Strecke liefen sie rückwärts - um gegen die "Energiewende rückwärts" durch den Weiterbetrieb von neun Reaktoren zu protestieren. Sie forderten zudem eine dezentrale Energieversorgung in Bürgerhand sowie das Aus für die Uranfabriken im westfälischen Gronau und im niedersächsischen Lingen.

Das Atomforum war auch in der Vergangenheit immer wieder in die Kritik geraten. Der Verband hatte 2007 eine Werbekampagne gestartet, bei der Atomkraftwerke in idyllischen Naturlandschaften gezeigt und als "Deutschlands ungeliebte Klimaschützer" bezeichnet wurden. Rund zwei Jahre später bezeichnete der damalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) den Verband als "Propagandazentrale der Atomkonzerne".

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