Probleme unterschätzt

Asse und die Folgen: Streit um Endlagerfrage

Die katastrophalen Zustände im Atommülllager Asse haben eine neue hitzige Debatte über die seit Jahren ungelöste Endlagerfrage für atomaren Müll ausgelöst. Spitzenpolitiker von Union und SPD warfen sich am Wochenende gegenseitig vor, bei der Suche nach einem Endlager versagt zu haben.

Strompreise© Andre Bonn / Fotolia.com

Berlin (ddp/sm) - Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, kritisierte, die Herausforderungen einer atomaren Endlagerung seien systematisch unterschätzt worden. Die frühere Sorglosigkeit in Bezug auf die Endlagerung von Atommüll sei aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar. Dies habe viel mit der damaligen Atomeuphorie zu tun. Das Atommülllager Asse sei ein Beispiel dafür, was man alles falsch machen könne, wenn man sich nicht von Anfang an um eine ernsthafte Sicherheitsanalyse kümmere, monierte König. Das BfS ist der neue Betreiber von Asse.

Die Union dringt nun auf eine rasche Entscheidung über ein atomares Endlager. Unions-Fraktionsvize Katherina Reiche (CDU) habe Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) aufgefordert, unverzüglich das Erkundungsmoratorium für den Standort Gorleben aufzuheben, berichtete "Der Spiegel". Die von Gabriel favorisierte Suche nach Alternativen würde Zeit und mindestens eine Milliarde Euro kosten.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Unions-Fraktion, Norbert Röttgen (CDU) sagte, Gabriels Kritik an den Missständen in Asse, wo nur schwach- bis mittelradioaktive Stoffe gelagert werden, führe in der Kernfrage des Umgangs mit hoch radioaktiven Stoffen nicht weiter. Zu den Hinterlassenschaften von Rot-Grün gehöre eine gewachsene Zahl nuklearer Zwischenlager an Reaktorstandorten, wo sich mittlerweile der radioaktive Müll stapele. Diese Praxis fortzusetzen sei die unsicherste Variante im Umgang mit Atommüll. Einen Entwurf für ein Endlagergesetz sei Gabriel bisher schuldig geblieben. Röttgen betonte, er sei versäumt worden, "zügig und entschlossen" ein Endlager zu suchen.

Gabriel wies die Vorwürfe zurück und hielt im Gegenzug der Union eine Blockadehaltung vor. Seit zwei Jahren bereits lägen Vorschläge zur Endlagersuche vor. Sie lägen auch im Kanzleramt vor und würden blockiert von der Unions-Fraktion, vor allem von den Regierungschefs in Bayern und Baden-Württemberg. Die Ministerpräsidenten dort hätten nämlich "Angst, das man auch in ihrem Land mal nach geeigneten Standorten zur Endlagerung suchen könnte", betonte Gabriel.

Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer warnte davor, Gorleben als Endlager für hoch radioaktiven Müll auszuwählen. Bütikofer sagte, es müsse "Schluss sein mit der dogmatischen Festlegung auf den Standort Gorleben im Salz, nachdem sich gezeigt hat, wie prekär diese Strategie tatsächlich ist". Linke-Vorstandsmitglied Wolfgang Methling sagte, es sei richtig, dass die Union von Gabriel ein Konzept für die Endlagerung von Atommüll fordere. Das sei allerdings auch schon eine Aufgabe seiner Amtsvorgänger Klaus Töpfer, Angela Merkel und Jürgen Trittin gewesen.

Das Magazin "Focus" berichtete, die rot-grüne Landesregierung habe 1991 bereits ein Gutachten zur Gefahrenabschätzung für die Schachtanlage Asse in Auftrag gegeben. Das Papier habe 1993 vorgelegen. In unmittelbarer Nähe der Atommüllkammern hätten die Experten einen "Bereich erhöhter Gefährdung" ausgemacht. Damals seien bereits täglich 4000 Liter Salzlauge eingesickert.

Die Fachleute hätten gefordert, alle Hohlräume oberhalb der 750-Meter-Sohle unverzüglich auszufüllen, um das einsturzgefährdete Bergwerk zu stabilisieren. Es sei nicht gelungen, alle Hohlräume zu beseitigen. An mehreren Stellen sei es zu Zwischenfällen gekommen. Obwohl die Gutachter eine Flutung der Asse ablehnten, hätten die Betreiber daran festgehalten.

Unterdessen denkt laut "Spiegel" das BfS über eine Teilbergung der lecken Fässer nach. Laut einem neuen Gutachten eines Bochumer Ingenieurbüros könnte das Bergwerk durch "Sicherungsmaßnahmen" mit großen Mengen Beton für weitere 10 bis 15 Jahre vor dem Zusammenbruch bewahrt werden. Das Ziel sei, sagte BfS-Chef König, "Zeit zu gewinnen, um die bestmögliche Lösung für die Schließung zu finden".

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