Vorwürfe zurückgewiesen

AKW Krümmel ging trotz Sicherheitsbedenken ans Netz

Das Atomkraftwerk Krümmel in Schleswig-Holstein ging einem Magazin-Bericht zufolge im Juni nach zweijähriger Betriebspause trotz Sicherheitsbedenken wieder ans Netz. Die Kieler Atomaufsicht wies die Vorwürfe zurück.

Energieversorung© Gina Sanders / Fotolia.com

Kiel (ddp/red) - Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" unter Berufung auf vertrauliche Unterlagen und Gutachten berichtet, ließ die Kieler Atomaufsicht den Meiler anfahren, obwohl Experten des Öko-Instituts gravierende Defizite im Sicherheitsmanagementsystem moniert hatten.

Die dem Landessozialministerium unterstehende Behörde wies die Vorwürfe zurück. Dem Wiederanfahren hätten keine sicherheitstechnischen Gesichtspunkte entgegengestanden, erklärte der Leiter der Reaktorsicherheitsabteilung, Wolfgang Cloosters, am Wochenende.

Mangelnde Lernbereitschaft beim Kraftwerkspersonal

Das Sozialministerium hatte das Öko-Institut nach dem Trafo-Brand am 28. Juni 2007 beauftragt, die Aufarbeitung des Ereignisses durch den Betreiber Vattenfall zu bewerten. Die Experten stellten daraufhin laut "Spiegel" eine generell mangelnde Lernbereitschaft beim Kraftwerkspersonal fest.

Vor allem im Bereich "Organisation und Kommunikation" gebe es große Mängel. Die von Vattenfall nach dem Brand vorgeschlagenen Änderungen in diesem Bereich seien unvollständig. "Dies kann maßgeblichen Einfluss auf die Sicherheitslage haben", zitiert der "Spiegel" aus den Unterlagen. Zum Thema "Anfahrrelevanz" merkten die Gutachter an: "Kann voraussichtlich vor Wiederanfahren nicht geklärt werden."

Atomaufsicht: Keine Einwände gegen Anfahren

Abteilungsleiter Cloosters sagte, die vom "Spiegel" zitierten Aussagen der Experten seien selektiv entnommen und "aus dem Zusammenhang" gerissen. Die Reaktorsicherheitsbehörde sei in Übereinstimmung mit den Gutachtern des Öko-Instituts zu dem Ergebnis gekommen, dass einem Wiederanfahren des Meilers nichts entgegengestanden habe. Im AKW Krümmel gebe es wie in anderen Kernkraftwerken "viele Elemente" eines Sicherheitsmanagements, sagte Cloosters. Bundesweit laufe allerdings in allen AKW derzeit ein "Prozess zur weiteren Optimierung" des Sicherheitsmanagementsystems.

Cloosters verwies auf die Dauerbetriebsgenehmigung aus dem Jahre 1983 und das geltende Atomgesetz, wonach das Ministerium nach Abschluss der Sanierungsarbeiten und Mängelbeseitigungen die Zustimmung zum Wiederanfahren des Meilers habe erteilen müssen. "Hierauf bestand ein Rechtsanspruch", betonte er.

Die Kieler Atomaufsicht hatte das Wiederanfahren am 19. Juni 2009 genehmigt. Am 4. Juli ging der Reaktor nach einem Kurzschluss in dem Maschinentransformator per Schnellabschaltung wieder vom Netz. Während der Pannenserie im AKW Krümmel lag die Atomaufsicht bei der zuständigen Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD). Seit dem Bruch der Koalition und der Entlassung der SPD-Minister durch Regierungschef Peter Harry Carstensen (CDU) obliegt die Reaktorkontrolle Landwirtschaftsminister Christian von Boetticher (CDU). Er führt das Sozialministerium bis zur Regierungsneubildung nach den Landtagswahlen am 27. September zusätzlich.

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