Erster Windpark

1987: Die Geburtsstunde der Energiewende

In Kaiser-Wilhelm-Koog an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste nahm am 24. August 1987 Deutschlands erster kommerzieller Windpark den Betrieb auf - gewissermaßen die Geburtsstunde der Energiewende. Heute gibt es dort insgesamt 28 Windräder und einen Bürgerwindpark. Dabei hatte alles mit einem Misserfolg begonnen.

Naturstrom© Daniel Etzold / Fotolia.com

Kaiser-Wilhelm-Koog (dapd/red) - Das Marschland im Kaiser-Wilhelm-Koog ist flach. Der Wind weht hier an der Elbmündung dafür umso kräftiger. Am 24. August 1987 ging an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste Deutschlands erster kommerzieller Windpark an den Start. Die kleine Gemeinde mit 360 Einwohnern gilt als eine der windreichsten Gegenden Deutschlands. "Hier an der Nordsee sind wir eigentlich so gut wie nie ganz ohne Wind", sagt Bürgermeisterin Anken von der Geest-Borwieck.

Am Anfang stand ein Misserfolg

Mittlerweile sind rund 40 Megawatt an Windkraft-Leistung in dem kleinen Ort installiert. Dabei hatte im Kaiser-Wilhelm-Koog alles mit einem Misserfolg angefangen. Ende der 1970er Jahre wollten Wissenschaftler mit der seinerzeit größten Anlage weltweit zeigen, wozu die Windkraft-Technik imstande ist. Am 6. Juli 1983 ging an der Stelle des heutigen Windparks "Growian" in den Probebetrieb. Die Kurzform steht für "große Windenergieanlage".

"Growian" hatte eine Turmhöhe von 100 Metern und einen ebenso großen Flügeldurchmesser. Wehte der Wind kräftig, produzierte die Anlage drei Megawatt. Nur vier Jahre nach dem Start kam jedoch bereits das Aus für das mit Mitteln des Bundesforschungsministeriums gebaute Windrad. Kurze Zeit später wurde es schließlich abgewrackt. Tatsächlich stand "Growian" die meiste Zeit still, Grund waren Konstruktionsfehler. Doch die Ingenieure lernten aus den Fehlern viel.

Die Erfahrungen mit "Growian" flossen in den Bau des ersten kommerziellen Windparks ein. An gleicher Stelle gingen 1987 insgesamt 30 kleinere Windkraftanlagen mit zusammen einem Megawatt Leistung ans Netz. Die ganze Branche profitiert noch heute von den grundlegenden Erkenntnissen, die im Kaiser-Wilhelm-Koog gewonnen wurden. Der Ort ist eine der Keimzellen der Energiewende. "Wobei 'Growian' ja kein Erfolg war und die Energiewende lauter dezentrale Wiegen hat", sagt Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne). "Aber als Symbol geht es durch."

Windräder bereits zweimal gegen leistungsstärkere ausgetauscht

Die Windräder des ersten kommerziellen Windparks sind mittlerweile bereits zweimal erneuert worden. Statt einstmals aus 30 Windrädern besteht der Windpark aktuell aus nur noch fünf leistungsstärkeren Anlagen, wie dessen Geschäftsführer Heinz Vinck sagt. Das nächste sogenannte Repowering ist für 2018 geplant. Aktuell hat Deutschlands ältester kommerzieller Windpark eine Leistung von 7,4 Megawatt. Das reicht laut Vinck, um damit statistisch gesehen 5.430 Einfamilienhäuser mit Strom zu versorgen. Alternativ reiche diese Leistung aus, um 95 Millionen Kilometer mit einem Elektroauto zurückzulegen.

Im Schnitt drehten sich die Windräder des Parks im vergangenen Jahr 2.565 Stunden, wie Vinck sagt. Das Problem von Anlagen-Abschaltungen durch Netzbetreiber wegen Netzüberlastung bezeichnet er als "zunehmend, aber klein gegenüber der möglichen Einspeisung". Betrieben wird der Windpark von der Windenergiepark Westküste GmbH, Gesellschafter sind E.ON Hanse und Vattenfall Europe Windkraft.

Viele Anwohner halten Anteile an Windrädern

Doch nicht nur dort drehen sich in Kaiser-Wilhelm-Koog Windräder. Insgesamt sind in dem Ort 28 Windräder aufgestellt. Seit Mitte der 1990er Jahre halten die Bewohner des Koogs selbst Anteile an Windrädern. Ein Jahr zuvor hatten 54 Gesellschafter der Gemeinde einen ersten Bürgerwindpark gegründet. Ende Oktober 1996 drehten sich deren erste Windräder.

"Mittlerweile gibt es drei Bürgerwindparks, an denen insgesamt 175 Bürger beteiligt sind", sagt Bürgermeisterin von der Geest-Borwieck. "Die Windkraft gehört für uns dazu, wir sind mit 'Growian' in die Geschichte reingewachsen." Dank der Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von 80.000 bis 200.000 Euro pro Jahr ist die kleine Gemeinde schuldenfrei.

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